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Bewerbungs-Freestyle

1 Okt

„Duhu…?!?“ sage ich.
„Jahaaaa?!?“ fragt er (Böses ahnend).
„Ich hab da ja diese Bewerbung, ne?!?“
„Jahaaaaa!!!!“ sagt er (noch Böseres ahnend).
„Und das ist ja alles nicht so schön, wie ich das so gemacht habe!“ ergänze ich, und versuche, dabei eine süße Grimasse zu ziehen, so eine, bei der man(n) dahinschmilzt und nicht anders kann, als mir zu helfen.
Scheint gelungen zu sein.
„Was hast du denn da genau?“ fragt er.
„Ja, diesen Lebenslauf halt. Und der müsste noch mal schön gemacht werden, also, inhaltlich hab ich das ja…“

Und das habe ich auch.
Tabellarisch aufgelistet jede einzelne meiner bisherige Tätigkeiten; es sind derer viele.
In Word.
WORD!!!
Das kann ein Wirtschaftsmathematiker und IT-Profi natürlich nicht verantworten.
Dass seine Freundin einen Lebenslauf in WORD abgibt.
Die Falle schnappt zu!
Das Ding wird überarbeitet!

„Wir machen dir das mal ein bisschen professioneller, als pdf!“ sagt er.
„Gut!“ sage ich, die dieses Internet auch noch mit dem Internet Explorer besucht (und habe keine Ahnung, was dieses pdf-Ding genau bedeutet). „Mach mal, wie du meinst, du kannst das sicher besser als ich!“
Er: „So, wie ich meine? Ohne, dass du bei jeder zweiten Änderung sagst: Ja, aber…?!?“
Ich: „Klar!!! Aber zeig mir, wie das genau geht, ich will das ja auch lernen!“
Neugierig schaue ich über die Schulter. In der Kopfzeile erscheint: Curriculum Vitae.
„Äh!“ sage ich.
Er: „Was?!?“
Ich: „Warum schreibst du das so?“
Er: „Klingt gut!“
Ich: „Nee. Klingt scheiße!“
Er: „Hast du mir nicht eben versprochen, nicht bei jeder zweiten Änderung…“
Ich: „Ist auch die erste Änderung. Und außerdem wusste ich auch nicht, dass du meinen „Lebenslauf“ „Curriculum Vitäääää“ nennst. Das ist mindestens Wegfall der Geschäftsgrundlage!“
Er: „Gerade ihr Juristen habt es doch so mit Latein!“
Ich: „Ja, aber ich bewerbe mich auf eine Stelle, die für eine Sozialwissenschaftlerin ausgeschrieben ist. Und außerdem hast du doch vorher gesagt, die Bewerbung soll nach MIR klingen.“
Seufzend ändert er die Kopfzeile wieder in „Lebenslauf“.
Ich nicke zufrieden.

Bei den persönlichen Daten erhebe ich keinerlei Protest.
Bei den bisherigen Tätigkeiten frage ich nach, ob man Aushilfe an der Käsetheke (1998-2001) nicht netter formulieren kann.
„Cheese Manager“ oder wenigstens „Käsethekenfachangestellte“.

Irgendwann kommen wir bei den Interessen an.
„Was soll denn da hin?“ fragt er.
„Ja, weißte doch, kennst mich doch!“ antworte ich.
„…außer Telefonieren und Shopping!“ sagt er.
Ich: „Achsojaklarhm!“
Er (schreibt) „Reisen“:
Ich: „Äh?!`“
Er „Ja- nicht?!?“
Ich: „Najaaa…“
Und denke daran, dass es mich regelmäßig in riesigen Stress versetzt, meine eigenen 4 Wände zu verlassen.
Fahren wir ein Wochenende nach Berlin, habe ich
a) 2 Koffer und 1 Reisetasche plus diverse Stoffbeutel dabei, weil ich ja nicht weiß, was wir so machen werden (möglicherweise fahren wir ja Kanu auf der Spree oder werden spontan auf einen Opernball eingeladen), wie das Wetter so wird (auch im Juli sollen die Temperaturen in Deutschland ja manchmal unter 0 fallen, weswegen es einer Skihose und Schneestiefeln bedarf, vorsorglich!)
b) leide ich im Auto bis mindestens Magdeburg unter akuter Panik, Herd, Glätteisen oder Kaffeemaschine könnten meine Wohnung in Brand setzen
c) habe ich die permanente Sorge, mich nicht verständigen zu können („Wir fahren nach Berlin, nicht nach Tokio!“ „Ja, aber die sagen zu Brötchen ja auch „Schrippen“…“)

Allerdings, klar, Urlaub generell finde ich eher gut.
Also bleibt „Reisen“ stehen.

„Tanzen!“ ergänze ich.
Er guckt mich irritiert an. „Tanzen???!!!???“
Ich: „Ja, klar! Ich hab Orientalischen Bauchtanz bei der VHS gemacht. Drei Kurse! Und Flamenco. Und Freien Tanz für Körper, Geist und Seele!“
ER: „Ja, aber du KANNST das doch nicht.
Ich (kleinlaut) „Aber mein Discofox war nach der Schützenfestsaison gar nicht soooo schlecht!“
Er: „Du hast da gemacht, was du willst, und dich nicht führen lassen!“
Ich: „Ich bin halt Mia Wallace!“
Wir lachen, und lassen „Tanzen“ weg.
Er (schreibt): „Singen.“
Ich: „?!?!?Merkste selbst?!?!?“
(Ich singe gerne, zugegebenermaßen. Und bei Singstar, so ab dem zweiten Glas Sekt, bin ich dann auch der festen Überzeugung, es zu KÖNNEN).
Wir ändern „Singen“ in Musik. Immerhin spiele ich ja Querflöte. Gar nicht ganz so schlecht.

Nachdem ich mich habe überzeugen lassen, dass „Kindergeschichten schreiben“ einen zukünftigen Arbeitgeber möglicherweise nicht überzeugen wird, mich für juristische oder sozialwissenschaftliche Tätigkeiten einzustellen und wir das ganze unter den Oberbegriff „Literatur“ subsumiert haben (ich schreibe und lese ja auch sonst alles, was sich so anbietet, und bin immerhin stolze Eigentümerin einer Bibliothek mit ca 2000 Büchern), schließen wir die Kategorie „Hobbies“ und damit auch die Bewerbung ab.

Ich bin zufrieden.
Alles in allem ist mein Curriculum Vitae ja gar nicht so uninteressant. Auch ohne Kindergeschichten.
Und es ist eine pdf-Datei.

Und wenn ich es zu einem persönlichen Gespräch schaffen sollte, kann ich ja dort auch immer noch meine Freestyle-Discofox-Choreo vortanzen.
Sofern es sinnvoll erscheint.

Weiblich, ledig, jung, sucht (nicht)…

14 Sep

„Willst du einen Freund? Dann melde dich bei uns an und finde den richtigen Mann, unkompliziert und kostenlos!“

Dieser Werbebanner begrüßte mich gerade bei Facebook.

Nein. Ich möchte keinen Freund, zufälligerweise habe ich nämlich einen. Den Einen. Den Besten.

Aber natürlich gab es auch einmal Zeiten, da hatte ich keinen.
Und zahlreiche wundervolle Single-Frauen in meinem Umfeld haben keinen und wollen bestimmt auch einen.

Vielleicht sollte ich sie mal darauf hinweisen, dass das ganz einfach ist, mit dem Freund: Unkompliziert und kostenlos! Männerflat!Mit Garantie zum Verlieben. Oder?

Ich oute mich hiermit.
In Zeiten, in denen ich keinen Freund hatte, aber gerne ganz unkompliziert und kostenlos einen gehabt hätte, meldete auch ich mich bei einer entsprechenden Single-Plattform an.
6 Wochen habe ich durchgehalten.
Kostenlos war es, durchaus.
Aber unkompliziert?

Ich meldete mich also damals an.
Legte mir einen Benutzernamen zu, gab mein Geburtsdatum (selbstverständlich mit Zahlendreher in Tag und Monat und einem kleinen Toleranzabzug von 1 Jahr im Geburtsjahr) sowie meinen Wohnort (natürlich nicht Bielefeld, sondern eine andere Stadt im nahen Umfeld) an, ferner, dass ich interessiert an einer „festen Beziehung“ sei.

Noch während ich darüber nachdachte, ob ich denn nun im Folgenden ein Foto hochladen solle, wurde ich angechattet:
„Hallo, ich bin Thomas und dein Profil klingt sehr interessant, du bist genau mein Typ, ich würde dich gerne kennenlernen!“
„Ok,“ dachte ich, „mein Profil offenbart ihm bislang mein (ein klein bisschen korrigiertes) Geburtsdatum und meinen (angeblichen) Wohnort, wenn das schon so interessant ist, dann will ich nicht wissen, was hier abgeht, wenn ich als Hobby „Serviettentechnik“ angebe, vermutlich hagelt es dann sofort Heiratsanträge…“
Noch neu auf dieser Plattform antwortete ich höflich nach Begutachtung seines Profils (die nächsten 453 Male, die in der Folgezeit Chatanfragen mit nahezu identischem Text kamen, habe ich dann auch irgendwann ignoriert…) „Hallo Thomas, vielen Dank für deine nette Anfrage, allerdings suche ich einen Mann, der maximal 50 ist. Leider teile ich ebenfalls nicht deine Tierliebe. Ich wünsche dir aber viel Erfolg bei der weiteren Suche!“

Meine nächste Amtshandlung auf meinem Profil war dann eine Eingrenzung des Alters meines Traummannes sowie der Kommentar „Fotos von Männern mit Tierbabys auf dem Arm als Avatar“ in der Kategorie „Das sollte mein Traummann auf keinen Fall haben“.

In dieser Kategorie ergänzte ich am Folgetag, nachdem ich mittlerweile auch ein Foto hochgeladen hatte, auf dem erkennbar war, dass ich blond und blauäugig bin und keine 120 Kilo wiege) außerdem noch: „Fotos mit nacktem Oberkörper auf ihrem Avatar“ sowie „Fotos mit prolligen Autos auf dem Avatar“, nachdem mich in der Masse der Nachrichten selbige von Justin, 21, „hey süße ich find dich total sexi wolen wir mal tel oder so schik mir doh mal deine priv handynr“ (Antwort: „Lieber Justin, sofern du ernsthaftes Interesse an einer Deutsch-Nachhilfe hast, darfst du dich gerne wieder bei mir melden!“) sowie die von Christian, 38, „Wunderhübsche junge Dame, dürfte ich Sie zum Shopping auf der Kö einladen? Anreise und Shoppingerlebnis sowie ein anschließendes Dinner werden selbstverständlich von mir bezahlt!“ (Antwort: „Werter Herr, vielen Dank für das freundliche Angebot, leider muss ich dankend ablehnen, da ich mein eigenes Geld verdiene und mir sowohl meine Textilgüter als auch die notwendigen Nahrungsmittel selbst finanzieren kann!“)

Ich erspare euch den wörtlichen Rest.

Aber ich wurde eingeladen zu Dates mit Rentnern, bekam Angebote, meinen Körper für sehr viel Geld zu verkaufen, Angebote, den Körper eines Mannes für sehr viel Geld zu kaufen, wurde von ein und demselben Mann quasi minütlich angeschrieben und nach meiner, wie ich finde, sehr netten Antwort auf seine 143. Nachricht: „Hey, warum schreibst du mir nicht zurück, bin ich dir nicht gut genug?“ “ Lieber Heinz, vielen Dank für dein Interesse an meiner Person, leider glaube ich nach Ansicht deines Profils nicht, dass wir so gut zusammen passen, ich wünsche dir aber viel Erfolg bei deiner weiteren Suche nach einer geeigneten Lebenspartnerin“ aufs übelste beleidigt, bekam tatsächlich Heiratsanträge, aber auch wirklich sehr nette Nachrichten von sehr interessanten Herren, mit denen ich mich im wirklichen Leben zu damaliger Zeit möglicherweise gerne mal auf einen Kaffee getroffen hätte.

Aber es war dort immer diese Barriere des „Partnerportals“.
Ich konnte nie glauben, dass das, was mir auf dem Profil preisgegeben wurde, auch tatsächlich der Realität entspricht.
Ich meine, sogar ein grundehrlicher Mensch, wie ich es bin, hat ja geschummelt, zumindest mit der Angabe des Geburtsjahres „1983“.

Und irgendwie war da auch immer die Angst, man könne nach einem solchen Date möglicherweise tatsächlich seinen Lebenabend teilweise in einer Mülltonne in der Arndtstraße verbringen.
Und teilweise im Teutoburger Wald.
Und diese Vorstellung einzelner Teile von mir verstreut in unterschiedlichen Stadtteilen Bielefelds hat mich schließlich auch bewogen, das mit dem Daten mal lieber zu lassen.

Wobei, ich gebe zu: einmal habe ich mich getraut und mit einem sehr netten Banker einen Kaffee getrunken.
Er war wirklich sehr nett.
Und es hätte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein können.
Wenn ich nicht schon einen gut funktionierenden und völlig zufriedenstellenden Freundeskreis hätte.
Und zu mehr reichte es halt einfach nicht, das merkte ich bereits auf den ersten Blick.

Letztlich glaube ich: Die Wahrscheinlichkeit, jemanden kennenzulernen, in den man sich wirklich verliebt, ist nicht kleiner, aber auch nicht größer, als im wirklichen Leben.
Die Gefahr, „falsche“ oder „gefährliche“ Menschen kennenzulernen, ebensowenig.
Aber diese Singlebörsen-Hemmschwelle besteht. Und ist einfach nicht wegzuchatten.

Unkompliziert? Mitnichten.
Kostenlos? Ja.
Aber das ist das Kennenlernen in realiter ja nunmal auch.

Wobei ich eigentlich nichts sagen darf.
Meinen Freund habe ich über Twitter kennengelernt.
Allerdings bat er mich neulich, das doch nicht immer zu betonen.
Er meinte: „Schatz, wenn du schon sagen musst, dass wir uns im Internet kennengelernt haben, könntest du dann nicht wenigstens sagen, über „Facebook“? Das klingt nicht ganz so nerdy wie „Twitter“!“

Fazit: Die Liebe geht ihren eigenen Weg. Manchmal überwindet sie auch Internet-Hemmschwellen.

Und: Twitter ist schließlich auch keine Singlebörse.

Und mein Freund saß auf seinem Avatar auch nicht mit nacktem Oberkörper und einem Babykaninchen in einem R8.
So.
Ich finde, das normalisiert das Ganze.

Liebesgeschichten (mit Blumen)

5 Sep

Eigentlich wollte ich nur kurz ein paar Lilien für meine Bodenvase im Flur kaufen.
Ich stand also im Blumenladen an der Kasse (irgendwie beginnen meine Blogeinträge meistens damit, dass ich an der Kasse stehe, vielleicht rechne ich demnächst mal aus, wieviel meiner Lebenszeit ich an Kassen verbringe!) und wartete darauf, dass die Floristin der Dame vor mir ihr Biedermeiersträußchen einpackte, als mir ein älterer Herr von hinten auf die Schulter tippte: „Entschuldigung, junge Dame, ich drängele mich ja nur ungern vor, aber meine Frau kommt gleich von ihrem Arzttermin wieder, und ich würde sie gerne in Empfang nehmen, deswegen habe ich es etwas eilig, würde es sie also stören, mich vorzulassen?“

Der Herr war weit über 80, nicht mehr ganz sicher auf den Beinen, und hielt in der Hand einen Bund gelber Rosen.
Ich hatte es nicht eilig, antwortete also mit ja.
Im Folgenden berichtete er mir: „Wissen Sie, wir haben heute 63. Kennenlerntag. Heute vor 63 Jahren trafen wir uns das erste Mal, ich schenke ihr seitdem jedes Jahr an diesem Tag gelbe Rosen!“

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte ich ihn in der Reihe vorgelassen, notgedrungen, weil ich mich sowieso hätte hinter einem Busch Chrysanthemen verstecken müssen, um unauffällig ein Rührungstränchen wegzuwischen.

Und das nicht nur, weil es mich an meine Großeltern erinnert hat.

1944 in der Nähe von Frankfurt.
Jahresball im Vereinsheim.
Die Schwester meiner Großmutter wollte dort tanzen, mit ihrem Freund.
Meine Großmutter nicht. Sie war Single und sah keinerlei Veranlassung, zu diesem Ball zu gehen.
Dummerweise sollte sie als Anstandsdame fungieren.
Ihre Schwester hatte schon mehrfach versucht, sie zu verkuppeln, so auch dieses Mal.
„Mein Freund hat einen ganz netten Arbeitskollegen, den Leo. Der wäre was für dich!“
„Leo?!?“ Meine Oma war schon immer sehr direkt. „Ich glaube kaum, dass ein Mann mit einem derart bescheuerten Namen jemand für mich sein könnte!“
Schließlich ging sie mit. Weil ihre Schwester ansonsten nicht die elterliche Erlaubnis bekommen hätte.

Zeitgleich redete der Freund der Schwester meiner Oma auf seinen Kollegen ein: „Leo, du musst mitkommen! Elfriede darf nicht zum Ball, wenn ihre Schwester nicht mitkommt! Und die braucht einen Begleiter!“
„Aber ich muss doch arbeiten!“ sagte mein Opa (er verdiente sich derzeit nach der normalen Arbeit noch etwas Geld mit Schnapsbrennerei dazu.)
„Dann kommst du halt später!“ antwortete Walter, „und bring am besten gleich ein bisschen Schnaps mit!“

Der Tag des Balls.
Mein Großvater war ein Mann, der wusste, was sich gehörte.
Auch wenn er wenig begeistert war, nach Feierabend noch zu einem Ball gehen zu müssen, um der Begleiter einer ihm unbekannten „Lydia“ zu sein („Ist sie denn wenigstens hübsch?“), gab er Walter einen Strauß weißer Rosen mit, mit der Bitte, sie meiner Oma im Vorfeld zu übergeben, um zu entschuldigen, dass er erst später käme.

Walter überreichte die Rosen. Allerdings an seine eigene Freundin, die Schwester meiner Oma, die sehr entzückt war, dass ihr ansonsten doch eher sparsamer Freund eine solche Investition gewagt hatte.

Dann saß meine Oma am hintersten Tisch des Raumes, mit Blickrichtung zur Tür. Bei jedem Herrn im Anzug, der den Raum betrat, flüsterte Elfriede aufgeregt: „Das ist bestimmt Leo!“
Gelegentlich schnupperte sie auch verzückt an „ihrem“ Rosenstrauß).
Aber ein Mann nach dem anderen ging vorbei.

Nach einer Stunde war meine Oma völlig genervt und sagte: „Ich geh gleich nach Hause, und euren Leo könnt ihr euch sonstwohin stecken!“, als die Tür aufging, und ein großer, schlanker und überdurchschnittlich attraktiver Mann den Raum betrat, auf den sich alle Blicke richteten.
„DAS ist Leo!“ jubelte Elfriede zufrieden.
„Klar!“ sagte meine Oma, „genauso, wie die letzten 15 Männer, die diesen Raum betreten haben, auch!“, stand auf, und wollte ihren Mantel holen.
Aber der Mann kam auf den Tisch zu, blieb vor ihr stehen und sagte: „Guten Abend, Sie müssen Lydia sein! Entschuldigen Sie vielmals die Verspätung! Meine Blumen sollten Sie aber schon erhalten haben? Ich habe weiße Rosen gewählt- aber vielleicht werden sie im Laufe der Zeit ja noch rot?“
Da sprang meine Oma mit einem Aufschrei auf ihre Schwester zu, riss ihr die Rosen aus der Hand und schrie: „Gib her! Das sind meine!!!“

Danach haben sie den ganzen Abend getanzt und geredet.
Mein Opa fand Lydia hübsch.
Und lief jeden Tag nach der Arbeit 15 Kilometer zu Fuß in den Heimatort meiner Oma, um sie zu besuchen.
Und meine Oma fand plötzlich, dass Leo doch gar nicht ein ganz so bescheuerter Name ist.

Die Rosen sind rot geworden.
Und 57 Jahre lang rot geblieben. Dann starb mein Großvater.

Sie hatten gute und schlechte Zeiten, es sind sicherlich auch viele harte Worte gefallen, sie hatten mit schlimmen Schicksalsschlägen zu kämpfen, aber nie haben sie die Liebe und den Respekt voreinander verloren.
In 57 Ehejahren konnte man an 10 Fingern die Nächte abzählen, die sie getrennt voneinander verbrachten.
Und jedes Jahr, am Kennenlerntag, bekam meine Oma einen Strauß weißer Rosen.

Und mein Opa sagte regelmäßig zu mir: „Deine Oma ist das Beste, was mir passieren konnte!“
Und meine Oma sagte: „Dein Opa war vom ersten Moment an meine ganz große Liebe!“

Und ich gebe es an dieser Stelle zu: Nicht zuletzt wegen dieser großen Liebe, die mein Leben lang vor meinen Augen gelebt wurde und die für mich für mich einerseits etwas Selbstverständliches, andererseits doch Besonderes war (das habe ich irgendwie bereits als kleines Kind gespürt), glaube ich an die „große Liebe“.

Und ich glaube auch, dass viele heutzutage zu wenig daran glauben.
Sich binden? Nur unter Vorbehalt!
Geiz ist geil!
Im Grunde logisch: Wenn man, von Anfang an, in Erwägung zieht, eine Beziehung bald wieder aufzugeben, ist es zu teuer, zuviel zu investieren.
Einweg-Beziehungen: mindere Qualität, für kurze Zeit ausreichend, nicht sonderlich stressresistent, aber praktisch. Nicht alleine sein und keinen allzuhohen Preis für die Zweisamkeit zahlen- das Modell vieler Verbindungen.

Das H&M-Prinzip: Man weiß, dass das Top, das man kauft, nicht so schön ist, wie das im Nachbarladen, aber es kostet nur 5,99 €. Man weiß auch, dass es nach 3 Waschgängen total verfusselt ist, an Länge und Farbe eingebüßt, dafür an Breite ein Vielfaches gewonnen hat, aber: Hey, es kostet nur 5,99 €! Dann wirft man es halt weg.
Ein Lebensmodell. Aber nicht meines!

Das „Ja, ich will!“ sagt man nicht erst im Hochzeitskleid vor dem Traualtar, insbesondere auch nicht, weil man mal ein Hochzeitskleid vor dem Traualtar tragen will und weil so viele Menschen darauf warten, dass man es sagt, man sagt es nicht mit dem Wissen, dass es ja rechtliche und tatsächliche Möglichkeiten gibt, Ehen oder Beziehungen zu beenden, das sollte man zumindest nicht.

Ich persönlich sage mein „Ja, ich will!“ in dem Moment, in dem ich einen Menschen so kennengelernt habe, dass ich sagen kann „Ich will groß mit dir werden!“, wenn ich weiß, dass ich bereit bin, mit diesem Menschen zu leben, ihm Fehler zu verzeihen und auch Kompromisse einzugehen.

Deswegen lasse ich ältere Herren an der Kasse im Blumenladen vor und höre mir gerührt Lebensgeschichten an, die in dieser Generation häufig tatsächliche Liebesgeschichten sind.
Liebesgeschichten fern von reinem Disney-Kitsch, Liebesgeschichten, die Liebe so zeigen, wie sie ist: hoch und tief, fröhlich und beschwingt, auch schmerzlich und brutal, kompliziert und nervenaufreibend, beglückend und erfüllend, aber manchmal auch nahezu unerträglich romantisch!
So romantisch, dass man, würde man es in einem Buch lesen, sagen würde: „Na, da hat der Autor aber an dieser Stelle etwas übertrieben!“
Aber, genau, wie bei den schrägsten Jura-Lehrbuchfällen (Man liest sie und denkt sich: Welcher Jura-Freak hat sich denn eine solch unrealistische Fallkonstellation einfallen lassen? Typisch diese Juristen-Nerds!“ und darunter steht dann das Aktenzeichen der Originalentscheidung des BGH) passieren solche Geschichten eben doch.

Ich beobachtete aus dem Blumenladen heraus, wie der ältere Herr vorsichtig über die Straße ging und eine ältere Dame mit weißem Haar, die sich auf ihren Rollator stützte, mit einem Küsschen begrüßte und ihr die Blumen gab, für die sie sich zärtlich bedankte (und ich bildete mir auch über die Entfernung ein, ihre Augen strahlen gesehen zu haben!)

Danach habe ich übrigens die Lilien stehengelassen und einen Strauß weißer Rosen gekauft.
Für den Friedhof.
Und für mein Vertrauen, dass es sie gibt: Diese eine, echte, wahre, große, ewig fortdauernde Liebe!

…das kann ich so nicht stehenlassen!

13 Jul

Zu Anfang ein Songtext.
Dessen Titel mich sehr verstört und verwirrt hat.
Von Tocotronic.

„Michael Ende, du hast mein Leben zerstört“.

Ein Lied mehr zur Lage der Nation,
und zur Degeneration meiner Generation.
Zur Unentschlossenheit der Jugend,
zur Verdrossenheit der Tugend.
Zu meiner aussichtslosen Lage,
und zur Klärung der Schuldfrage.
Und darum klag ich an:

Michael Ende, nur du bist schuld daran,
Daß aus uns nichts werden kann.
Du hast uns mit deinen Tricks,
aus der Gesellschaft ausgeixt.
Mit den Eltern aller Schichten,
willst du uns vernichten.

Michael Ende du hast mein Leben zerstört.
Michael Ende du hast mein Leben zerstört.
Michael Ende du hast mein Leben zerstört.
Michael Ende du hast mein Leben zerstört.

Ich verstehe den Sinn dieses Liedes nicht. Ehrlich gesagt verstehe ich Tocotronic meistens nicht.
Aber, für den Fall, dass dieser Song tatsächlich eine Meinung wiedergeben sollte, die den Titel des Songs bestätigt (an dieser Stelle aufschreiende Tocotronic-Fans werden gebeten, mir eine gegliederte Interpretation der Lyrics zu senden), möchte ich mal eben eine Gegendarstellung schreiben:

Michael Ende, du hast mein Leben bereichert!

Danke für Bastian Balthasar Bux, für diesen großartigen Jungen, der, als kleiner dicker Außenseiter, seine Welt in der Faszination der Bücher und der Phantasie gefunden hat!
Danke für Atreju und Fuchur und ihren unermüdlichen Kampf, durch Höhen und Tiefen, für ihre Heimat und für ihren Freund!

Danke für die zauberhafte Momo, für diese herzensgute und grundehrliche, tatsächlich altruistische Person (meiner Meinung nach der Beweis dafür, dass es den „guten Menschen“, dessen Existenz Brecht literarisch in Frage stellt, tatsächlich geben kann), dafür, dass sie mir immer wieder verdeutlicht hat, wie wichtig es ist, sich Zeit zu nehmen!
Danke für Beppo den Straßenkehrer, der sich als Einziger nicht beirren lässt, als feste Instanz und ein Zeichen, dass es immer diese Freunde gibt, die unbedingten Rückhalt bieten!

Danke für den Glauben an wahre Helden wie Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer, die fernab vom klassischen maskulinen Heldenbild die Sicherheit in mir gefestigt haben, dass, egal, welcher Drache mich entführt, mein Prinz, wenn auch als solcher unerkannt und vielleicht auch nicht auf einem weißen Ross, sondern in einer als Drachen verkleideten Lokomotive, mich retten wird!
Danke für Prinzessin Li Si, die ihren eigenen Kopf hat und, klüger und gebildeter als ihr Freund Jim, nicht dem traditionellen Rollenklischee entspricht!
Danke für Herrn Turtur, der mir zeigte: Es gibt Dinge, die größer und gefährlicher scheinen, als sie sind. Und dass jeder seinen Platz auf dieser Welt hat, und sei es als Leuchtturm auf Lummerland.

Und danke, Michael Ende, dass du nie „was mit Vampiren“ geschrieben hast!

Also, die Herren von Tocotronic:

Alles gut. Ende sehr gut!

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