Tag Archives: Männer

Die Ruhe vor dem Sturm

9 Okt

Seit kurzem sammele ich kaputte technische Geräte.
Und das nicht etwa, weil ich den Messie in mir entdecke.
Mit einem „Kaputte-Gebrauchtgeräte-Shop“ ein zweites Standbein aufbauen will.
Oder daraus „Kunst“ machen will.

Vielmehr höre ich in der letzten Zeit immer häufiger den Satz: „Oh je, wenn mein Vater demnächst in den Ruhestand geht, das wird eine Katastrophe- ich weiß gar nicht, was er dann macht…“
Und, obwohl es auch viele Mütter meiner Bekannten gibt, die berufstätig sind, habe ich diesen Satz auf „Mütter“ bezogen noch nie gehört.

Eine Freundin meiner Mutter sagte kürzlich: „Ja, ich weiß ja auch außerhalb der Arbeit etwas mit mir anzufangen. Aber mein Mann glaubt, das Leben besteht aus den zwei Themenbereichen „Arbeiten“ und „Fernsehen“.“

Und tatsächlich scheint es so zu sein, dass viele Männer sich stärker über ihren Job identifizieren, als Frauen. Und ohne Job ein viel größeres Problem mit der Definition ihrer Persönlichkeit haben.

Ist das die Folge gesellschaftlicher Normen? Haben die Männer das „Versorgergen“ dermaßen internalisiert, das heutzutage nicht mehr durch das Jagen des größten Tieres, das Anlegen des größten Fleischvorrat, den Besitz der schönsten Felle, sondern durch ein gutes Jahresbruttoeinkommen und eine verantwortungsvolle berufliche Position unter Beweis gestellt wird?

Während meines Referendariats traf ich an einer Arbeitsstelle regelmäßig auf einen älteren „Kollegen“, der allmorgendlich eifrig durchs Haus eilte und sehr beschäftigt wirkte.
Auf Nachfrage bei anderen Kollegen, wer das denn genau sei und was er konkret mache, wurde mir erklärt, er sei eigentlich gar kein Kollege mehr. Er sei vielmehr zwei Monate vor meinem Arbeitsantritt in den Ruhestand gegangen.
Da er aber vorher eine Führungsposition innegehabt hätte, könne er sich nicht wirklich vorstellen, dass der Laden ohne ihn liefe, weswegen er nach wie vor seine 40-60 Stunden- Woche dort absolvierte.
„Er kann halt nicht ohne Arbeit!“ meinten die Kollegen augenzwinkernd, und ertrugen ihn mit wohlwollender Fassung.

Als ich ihn also das nächste Mal traf und fragte: „Herr X, was machen Sie denn schon wieder hier? Gönnen Sie sich doch mal ihre verdiente Ruhe und genießen Sie ihre Zeit mit ihrer Frau!“, sagte er: „DIE hat mir ja nahegelegt, mal das Haus zu verlassen!“
Ich musste grinsen, weil ich das noch von meiner Oma kannte.
Als mein Opa in den Ruhestand ging, hatte er so ziemlich alles, außer innerer Ruhe.
So stand er Nacht für Nacht auf und entwickelte neue, innovative Ideen, wie man Haus und Garten neu gestalten könnte.
Es wurden, via technischer Zeichnung festgehalten, Wände entfernt, Geschosse aufgestockt, Räume unterkellert, Dachformen geändert etc und diese Änderungen im allmorgendlichen „jour fixe“ (Frühstück) via Flipchart dargestellt.
Nachdem meine Oma in der dritten Woche infolge mit hartnäckiger Überzeugungsarbeit „ihr“ Haus retten musste, schickte sie ihn auf den Golfplatz.

Mit einem Augenzwinkern erzählte ich Herrn X also diese Episode, und schlug ihm auch vor, Golf zu spielen.
„Ja,“ meinte er, „das hab ich ja vorhin schon gemacht. Und außer dem Pool im Garten hat mir meine Frau keine weiteren Änderungen erlaubt, ich wollte ja eigentlich noch eine Dachterrasse für sie entwerfen! Und als ich ihr Radio in der Küche reparieren wollte, sagte sie: „Lieber nicht- jetzt funktioniert es ja wenigstens noch ein bisschen!““ Er klingt nahezu empört.
Ich verkneife mir ein Grinsen, sage ihm, er müsse da ja aber auch seine Frau mal verstehen und frage dann: „Und? Was haben Sie heute noch so vor?“
„Ich wollte mich über weiterführende Schulen für meinen Enkel informieren.“ sagt er, und wedelt mit ein paar Prospekten.
Auf Nachfrage, wie alt sein Enkel denn sei, antwortet er mir ernsthaft mit „Fünf“.
Als ich (mit zugegebenermaßen sehr subtiler Ironie) darauf hinweise, im Stern sei diese Woche auch ein Uni-Ranking gewesen, falls er denn schon wisse, in welche Richtung das Studium seines Enkelsohns gehen solle, fragt er doch tatsächlich (und ich fürchte, ohne selbige subtile Ironie) sehr interessiert nach: „So? In welcher Zeitung, sagen Sie, ist das?“
Ich verabschiede mich kopfschüttelnd.
Vielleicht war meine Ironie tatsächlich nur im Subtext mitschwingend und nicht eindeutig verständlich.

Irgendwie kann ich es ja verstehen.
Nichtstun ist bei weitem nicht so toll, wie es erstmal klingt.
Freizeit kann erdrücken. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.
Und vielleicht führt das bei Männern häufig dazu, dass sie die Decke, die ihnen auf den Kopf zu fallen droht, lieber durch eine Dachterrasse ersetzen und sich buchstäblich von einengenden Wänden befreien.
Indem sie die fehlende eigene Struktur durch die Strukturierung der Leben anderer, ihnen nahestehender Menschen, ersetzen.
Sich gebraucht fühlen, wenn sie in der „Männerdomäne“ Technik dazu beitragen, dass irgendwas irgendwie wieder läuft.
Und sei es nur ein Radio.

Seitdem suche ich nach kaputten technischen Geräten.
Weckern. Radios. CD-Playern.
Ich habe mir nämlich überlegt, vorsorglich eine Sammlung anzulegen.

Lieber Papa, lieber Schwiegerpapa in spe, ich tue das für euch! Damit ihr euch gebraucht fühlt- später, wenn es soweit ist.

Naja. Ein bisschen tue ich das auch für mich.
Weil ich keine Lust habe, dass mein Haus irgendwann dem „Änderhaus“ aus der Unendlichen Geschichte gleicht und ich morgens nach dem Aufwachen auf dem Weg zur Dusche feststellen muss, dass sich das Badezimmer nun in einem zweiten Stock befindet, den es am Vorabend noch nicht gab.
Und die Dusche, die bislang nervtötend tröpfelte, nun gar kein Wasser mehr ausschüttet.

Liebe Mama, liebe Schwiegermama in spe: Auch für euch tue ich das!
Ich denke nämlich, ihr wünscht euch keinen Freizeitpark im Garten.
Oder einen Fußballplatz.

Und, liebste ungeborene Kinder, vor allem tue ich das für euch.
Damit ihr in Ruhe nach der 9. Klasse die Schule abbrechen und freischaffende Künstler werden könnt.
Oder Kioskbesitzer.
Wenn euch das glücklich macht.

Advertisements

Weiblich, ledig, jung, sucht (nicht)…

14 Sep

„Willst du einen Freund? Dann melde dich bei uns an und finde den richtigen Mann, unkompliziert und kostenlos!“

Dieser Werbebanner begrüßte mich gerade bei Facebook.

Nein. Ich möchte keinen Freund, zufälligerweise habe ich nämlich einen. Den Einen. Den Besten.

Aber natürlich gab es auch einmal Zeiten, da hatte ich keinen.
Und zahlreiche wundervolle Single-Frauen in meinem Umfeld haben keinen und wollen bestimmt auch einen.

Vielleicht sollte ich sie mal darauf hinweisen, dass das ganz einfach ist, mit dem Freund: Unkompliziert und kostenlos! Männerflat!Mit Garantie zum Verlieben. Oder?

Ich oute mich hiermit.
In Zeiten, in denen ich keinen Freund hatte, aber gerne ganz unkompliziert und kostenlos einen gehabt hätte, meldete auch ich mich bei einer entsprechenden Single-Plattform an.
6 Wochen habe ich durchgehalten.
Kostenlos war es, durchaus.
Aber unkompliziert?

Ich meldete mich also damals an.
Legte mir einen Benutzernamen zu, gab mein Geburtsdatum (selbstverständlich mit Zahlendreher in Tag und Monat und einem kleinen Toleranzabzug von 1 Jahr im Geburtsjahr) sowie meinen Wohnort (natürlich nicht Bielefeld, sondern eine andere Stadt im nahen Umfeld) an, ferner, dass ich interessiert an einer „festen Beziehung“ sei.

Noch während ich darüber nachdachte, ob ich denn nun im Folgenden ein Foto hochladen solle, wurde ich angechattet:
„Hallo, ich bin Thomas und dein Profil klingt sehr interessant, du bist genau mein Typ, ich würde dich gerne kennenlernen!“
„Ok,“ dachte ich, „mein Profil offenbart ihm bislang mein (ein klein bisschen korrigiertes) Geburtsdatum und meinen (angeblichen) Wohnort, wenn das schon so interessant ist, dann will ich nicht wissen, was hier abgeht, wenn ich als Hobby „Serviettentechnik“ angebe, vermutlich hagelt es dann sofort Heiratsanträge…“
Noch neu auf dieser Plattform antwortete ich höflich nach Begutachtung seines Profils (die nächsten 453 Male, die in der Folgezeit Chatanfragen mit nahezu identischem Text kamen, habe ich dann auch irgendwann ignoriert…) „Hallo Thomas, vielen Dank für deine nette Anfrage, allerdings suche ich einen Mann, der maximal 50 ist. Leider teile ich ebenfalls nicht deine Tierliebe. Ich wünsche dir aber viel Erfolg bei der weiteren Suche!“

Meine nächste Amtshandlung auf meinem Profil war dann eine Eingrenzung des Alters meines Traummannes sowie der Kommentar „Fotos von Männern mit Tierbabys auf dem Arm als Avatar“ in der Kategorie „Das sollte mein Traummann auf keinen Fall haben“.

In dieser Kategorie ergänzte ich am Folgetag, nachdem ich mittlerweile auch ein Foto hochgeladen hatte, auf dem erkennbar war, dass ich blond und blauäugig bin und keine 120 Kilo wiege) außerdem noch: „Fotos mit nacktem Oberkörper auf ihrem Avatar“ sowie „Fotos mit prolligen Autos auf dem Avatar“, nachdem mich in der Masse der Nachrichten selbige von Justin, 21, „hey süße ich find dich total sexi wolen wir mal tel oder so schik mir doh mal deine priv handynr“ (Antwort: „Lieber Justin, sofern du ernsthaftes Interesse an einer Deutsch-Nachhilfe hast, darfst du dich gerne wieder bei mir melden!“) sowie die von Christian, 38, „Wunderhübsche junge Dame, dürfte ich Sie zum Shopping auf der Kö einladen? Anreise und Shoppingerlebnis sowie ein anschließendes Dinner werden selbstverständlich von mir bezahlt!“ (Antwort: „Werter Herr, vielen Dank für das freundliche Angebot, leider muss ich dankend ablehnen, da ich mein eigenes Geld verdiene und mir sowohl meine Textilgüter als auch die notwendigen Nahrungsmittel selbst finanzieren kann!“)

Ich erspare euch den wörtlichen Rest.

Aber ich wurde eingeladen zu Dates mit Rentnern, bekam Angebote, meinen Körper für sehr viel Geld zu verkaufen, Angebote, den Körper eines Mannes für sehr viel Geld zu kaufen, wurde von ein und demselben Mann quasi minütlich angeschrieben und nach meiner, wie ich finde, sehr netten Antwort auf seine 143. Nachricht: „Hey, warum schreibst du mir nicht zurück, bin ich dir nicht gut genug?“ “ Lieber Heinz, vielen Dank für dein Interesse an meiner Person, leider glaube ich nach Ansicht deines Profils nicht, dass wir so gut zusammen passen, ich wünsche dir aber viel Erfolg bei deiner weiteren Suche nach einer geeigneten Lebenspartnerin“ aufs übelste beleidigt, bekam tatsächlich Heiratsanträge, aber auch wirklich sehr nette Nachrichten von sehr interessanten Herren, mit denen ich mich im wirklichen Leben zu damaliger Zeit möglicherweise gerne mal auf einen Kaffee getroffen hätte.

Aber es war dort immer diese Barriere des „Partnerportals“.
Ich konnte nie glauben, dass das, was mir auf dem Profil preisgegeben wurde, auch tatsächlich der Realität entspricht.
Ich meine, sogar ein grundehrlicher Mensch, wie ich es bin, hat ja geschummelt, zumindest mit der Angabe des Geburtsjahres „1983“.

Und irgendwie war da auch immer die Angst, man könne nach einem solchen Date möglicherweise tatsächlich seinen Lebenabend teilweise in einer Mülltonne in der Arndtstraße verbringen.
Und teilweise im Teutoburger Wald.
Und diese Vorstellung einzelner Teile von mir verstreut in unterschiedlichen Stadtteilen Bielefelds hat mich schließlich auch bewogen, das mit dem Daten mal lieber zu lassen.

Wobei, ich gebe zu: einmal habe ich mich getraut und mit einem sehr netten Banker einen Kaffee getrunken.
Er war wirklich sehr nett.
Und es hätte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein können.
Wenn ich nicht schon einen gut funktionierenden und völlig zufriedenstellenden Freundeskreis hätte.
Und zu mehr reichte es halt einfach nicht, das merkte ich bereits auf den ersten Blick.

Letztlich glaube ich: Die Wahrscheinlichkeit, jemanden kennenzulernen, in den man sich wirklich verliebt, ist nicht kleiner, aber auch nicht größer, als im wirklichen Leben.
Die Gefahr, „falsche“ oder „gefährliche“ Menschen kennenzulernen, ebensowenig.
Aber diese Singlebörsen-Hemmschwelle besteht. Und ist einfach nicht wegzuchatten.

Unkompliziert? Mitnichten.
Kostenlos? Ja.
Aber das ist das Kennenlernen in realiter ja nunmal auch.

Wobei ich eigentlich nichts sagen darf.
Meinen Freund habe ich über Twitter kennengelernt.
Allerdings bat er mich neulich, das doch nicht immer zu betonen.
Er meinte: „Schatz, wenn du schon sagen musst, dass wir uns im Internet kennengelernt haben, könntest du dann nicht wenigstens sagen, über „Facebook“? Das klingt nicht ganz so nerdy wie „Twitter“!“

Fazit: Die Liebe geht ihren eigenen Weg. Manchmal überwindet sie auch Internet-Hemmschwellen.

Und: Twitter ist schließlich auch keine Singlebörse.

Und mein Freund saß auf seinem Avatar auch nicht mit nacktem Oberkörper und einem Babykaninchen in einem R8.
So.
Ich finde, das normalisiert das Ganze.

„Spieglein, Spieglein…“ oder: Das Schneewittchen-Syndrom

12 Jul

Vor einiger Zeit saß ich im ICE von Berlin nach Bielefeld.
Während ich so in meiner Zeitschrift blätterte, beobachtete ich auf dem Bahnsteig vier Frauen, offensichtlich Freundinnen, so um die 50. Sie verabschiedeten sich tränenreich mit Bussi-Bussi und vielen Umarmungen, bestätigten sich gegenseitig, wie schön doch der Besuch gewesen sei, wie toll doch alle aussähen, dass man das bald wiederholen müsste und so weiter und so fort…
Drei der Damen stiegen in den Zug und setzten sich auf den Viererplatz neben mich. Lächelnd winkten sie der Dame, die auf dem Bahnsteig zurückblieb, zu, und noch während der Zug anfuhr, meinte die erste: „Mann, die ist aber fett geworden!“, die zweite: „Kein Wunder, hast du gesehen, was die alles gegessen hat?!?“ und die dritte: „Und wie es in der Wohnung aussah- die sollte sich vielleicht auch mal um eine Putzfrau kümmern!“.

Und ich dachte nur: Hört das denn nie auf?!?

Innerlich hatte ich ja, sagen wir mal, die vage Hoffnung, dass sich diese frauentypischen Lästereien über die Jahre auswachsen. Dass man toleranter wird, weniger wertend, weniger vergleichend.
Aber anscheinend bleibt dieses „Schneewittchen-Syndrom“ uns über die Jahre erhalten. Unser Leben ist ein einziges „Spieglein, Spieglein an der Wand…“
Wobei der Satz meines Erachtens nicht weitergeht mit „…wer ist die Schönste im ganzen Land?“ sondern vielmehr mit „…wer ist die Schönere, Klügere, Attraktivere, Fleißigere, Erfolgreichere von der gerade zur Verfügung stehenden Vergleichsgruppe der Damen?“
Der Superlativ interessiert uns regelmäßig nicht so sehr, der Komparativ ist aber fast immer eine solche Frage wert.

Immer wieder wird er klischeemäßig thematisiert, der Frauen-Scanner-Blick.
Und durchaus zu Recht!
Wenn wir anderen Frauen begegnen, scannen wir sie einmal. Gesicht-Körper-Füße-Körper-Gesicht, gerne verbunden mit einem gleichgültigen bis leicht überheblichen Gesichtsausdruck.
Wir wenden ihn Tag für Tag an: Äußerlich bezogen auf körperliche Attribute genauso wie innerlich im Hinblick auf nicht sichtbare Faktoren.

Und dann beginnen die Auf- und Abwertungsmechanismen.
Wir sind per se neidisch, weil wir in erster Linie sehen, was an der anderen Frau vermeintlich besser ist.
Und dann versuchen wir, die vermeintlichen Stärken der anderen herunterzureden, um uns selber in der Hierarchie zumindest auf gleicher Stufe einzuordnen.

So geschehen in Berlin. Fashion Week.
Ich, zu meinem Freund: „Die sind ja schon hübsch, die Models…“
Er: „Hmmh.“
Ich: „Aber schon auch ganz schön mager. Oder?“
Er: „Hmmh.“
Ich: „Ja, findest du doch auch, gell? Ich meine, die sind zwar 20 und haben noch voll schöne Haut, nicht so Falten wie ich, und so, aber trotzdem… Ich muss da immer an ausgehungerte Laborratten denken!“
Er: „Hm.“
Ich: „Brüste haben die ja auch nicht.“
Scannerblick. „Guck mal, die Beine haben lauter blaue Flecken, bestimmt, weil die so mager sind. Und die haben wahrscheinlich auch Calcium-Mangel, siehste, die Haare und so-“
Er: „Ähja.“
Ich: „Aber das Kleid ist schön. Meinste, das gibt es auch in meiner Größe?“
Er: „Bestimmt!“
Pause.
Ich: „Ist mein Popo eigentlich zu dick?“
Er: „NEIN!“
Ich: „Ok.“
Pause.
Ich: „Die haben vermutlich alle kein Abi. Wenn man so wenig isst, bleibt ja keine Energie mehr für die notwendige Konzentrationsfähigkeit!“
Er: „Jaha.“
Längere Pause.
Ich: „Hättest du eigentlich lieber so ein 20jähriges, dürres, dummes Model als Freundin?“

Ich schäme mich fast, solche Dialoge niederzuschreiben.
Aber so bin ich. Sind wir Frauen.

Ich kenne kaum eine einzige Frau, die mit sich rundum zufrieden ist. Sich nicht ständig vergleicht.
Gerade in Sachen Optik sind wir da sehr fixiert. Und auch sehr hart. Mit uns. Und mit anderen.

Wir glauben immer, schöner, klüger, besser sein zu müssen, um liebenswert zu sein.
Glauben, dass unser Kampf um die Spezies Mann dies erfordert.

Andererseits, liebe Artgenossinnen des weiblichen Geschlechts: Wählen wir uns das Männermodel mit dem durchtrainierten Adoniskörper, oder doch den mit dem Grübchenlächeln, der uns jede Woche einen Strauß Blumen mitbringt?
Wollen wir den erfolgreichen Investmentbanker mit vollem Haarschopf, gebleachten Zähnen, Boss-Anzug und Porsche, oder doch lieber den Pädagogen mit Glatze, Segelohren, dafür aber wahnsinnig tollen blauen Augen, der so toll Gitarre spielt, mit uns stundenlang unsere Lieblingsfilme guckt und uns den Rücken streichelt?

Warum sollte das andersherum anders sein?!?

In einer Phase, in der ich ein paar Kilo abnehmen wollte (vermutlich, weil ich Frauen gesehen hatte, die schlanker waren), und bei der Frage: „Hast du Hunger? Wollen wir was essen?“ tagtäglich antwortete: „Nein.“ oder: „Aber nur einen kleinen Salat mit ölfreiem Dressing!“, sagte mein Freund irgendwann zu mir: „Ach, weißt du, das war so schön, am Anfang unserer Beziehung, als du noch IMMER Hunger hattest und man mit dir IMMER Döner essen gehen konnte!“

Eine döneressende Frau.
Auf der Bewertungsskala sehr vieler Männer vermutlich ganz weit oben.
Auf selbiger Bewertungsskala ganz weit unten hingegen wahrscheinlich herausstehende Hüftknochen.
So viel zu der Frage: „Wer ist die Schlankere?“.

Mein Mann mäkelt nicht herum an mir.
Vergleicht mich nicht.
Sucht nicht meine Schwächen.
Für ihn bin ich nur Eines: Die Einzige!
Genau so, wie ich bin.
Mit meiner etwas zu großen Nase.
Meinem kleinen Kugelbauch.
Meinen Piercingnarben.
Meiner Zahnlücke.
Meinen Augenfältchen.

Und ich denke, dass, wenn ich morgens im Bad stünde, vor dem Spiegel, und ihn fragen würde: „Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land!“ so würde mir mein Spiegel (denn wenn er sprechen könnte, wäre er ein sehr weiser und philosophischer, lebenserfahrener Spiegel) wohl antworten:
„Im ganzen Land? Kann ich dir nicht sagen, vermutlich nicht du, aber das interessiert mich auch nicht!
Hier im Badezimmer bist du jedenfalls die Schönste.
Und am Allerschönsten bist du, wenn du mich und dich NICHT STÄNDIG fragst, wer die Schönste ist!
Sondern einfach mal zufrieden damit bist, du zu sein!!!
Und jetzt geh, verdammt noch mal, Döner essen!!!“

%d Bloggern gefällt das: