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Die Ruhe vor dem Sturm

9 Okt

Seit kurzem sammele ich kaputte technische Geräte.
Und das nicht etwa, weil ich den Messie in mir entdecke.
Mit einem „Kaputte-Gebrauchtgeräte-Shop“ ein zweites Standbein aufbauen will.
Oder daraus „Kunst“ machen will.

Vielmehr höre ich in der letzten Zeit immer häufiger den Satz: „Oh je, wenn mein Vater demnächst in den Ruhestand geht, das wird eine Katastrophe- ich weiß gar nicht, was er dann macht…“
Und, obwohl es auch viele Mütter meiner Bekannten gibt, die berufstätig sind, habe ich diesen Satz auf „Mütter“ bezogen noch nie gehört.

Eine Freundin meiner Mutter sagte kürzlich: „Ja, ich weiß ja auch außerhalb der Arbeit etwas mit mir anzufangen. Aber mein Mann glaubt, das Leben besteht aus den zwei Themenbereichen „Arbeiten“ und „Fernsehen“.“

Und tatsächlich scheint es so zu sein, dass viele Männer sich stärker über ihren Job identifizieren, als Frauen. Und ohne Job ein viel größeres Problem mit der Definition ihrer Persönlichkeit haben.

Ist das die Folge gesellschaftlicher Normen? Haben die Männer das „Versorgergen“ dermaßen internalisiert, das heutzutage nicht mehr durch das Jagen des größten Tieres, das Anlegen des größten Fleischvorrat, den Besitz der schönsten Felle, sondern durch ein gutes Jahresbruttoeinkommen und eine verantwortungsvolle berufliche Position unter Beweis gestellt wird?

Während meines Referendariats traf ich an einer Arbeitsstelle regelmäßig auf einen älteren „Kollegen“, der allmorgendlich eifrig durchs Haus eilte und sehr beschäftigt wirkte.
Auf Nachfrage bei anderen Kollegen, wer das denn genau sei und was er konkret mache, wurde mir erklärt, er sei eigentlich gar kein Kollege mehr. Er sei vielmehr zwei Monate vor meinem Arbeitsantritt in den Ruhestand gegangen.
Da er aber vorher eine Führungsposition innegehabt hätte, könne er sich nicht wirklich vorstellen, dass der Laden ohne ihn liefe, weswegen er nach wie vor seine 40-60 Stunden- Woche dort absolvierte.
„Er kann halt nicht ohne Arbeit!“ meinten die Kollegen augenzwinkernd, und ertrugen ihn mit wohlwollender Fassung.

Als ich ihn also das nächste Mal traf und fragte: „Herr X, was machen Sie denn schon wieder hier? Gönnen Sie sich doch mal ihre verdiente Ruhe und genießen Sie ihre Zeit mit ihrer Frau!“, sagte er: „DIE hat mir ja nahegelegt, mal das Haus zu verlassen!“
Ich musste grinsen, weil ich das noch von meiner Oma kannte.
Als mein Opa in den Ruhestand ging, hatte er so ziemlich alles, außer innerer Ruhe.
So stand er Nacht für Nacht auf und entwickelte neue, innovative Ideen, wie man Haus und Garten neu gestalten könnte.
Es wurden, via technischer Zeichnung festgehalten, Wände entfernt, Geschosse aufgestockt, Räume unterkellert, Dachformen geändert etc und diese Änderungen im allmorgendlichen „jour fixe“ (Frühstück) via Flipchart dargestellt.
Nachdem meine Oma in der dritten Woche infolge mit hartnäckiger Überzeugungsarbeit „ihr“ Haus retten musste, schickte sie ihn auf den Golfplatz.

Mit einem Augenzwinkern erzählte ich Herrn X also diese Episode, und schlug ihm auch vor, Golf zu spielen.
„Ja,“ meinte er, „das hab ich ja vorhin schon gemacht. Und außer dem Pool im Garten hat mir meine Frau keine weiteren Änderungen erlaubt, ich wollte ja eigentlich noch eine Dachterrasse für sie entwerfen! Und als ich ihr Radio in der Küche reparieren wollte, sagte sie: „Lieber nicht- jetzt funktioniert es ja wenigstens noch ein bisschen!““ Er klingt nahezu empört.
Ich verkneife mir ein Grinsen, sage ihm, er müsse da ja aber auch seine Frau mal verstehen und frage dann: „Und? Was haben Sie heute noch so vor?“
„Ich wollte mich über weiterführende Schulen für meinen Enkel informieren.“ sagt er, und wedelt mit ein paar Prospekten.
Auf Nachfrage, wie alt sein Enkel denn sei, antwortet er mir ernsthaft mit „Fünf“.
Als ich (mit zugegebenermaßen sehr subtiler Ironie) darauf hinweise, im Stern sei diese Woche auch ein Uni-Ranking gewesen, falls er denn schon wisse, in welche Richtung das Studium seines Enkelsohns gehen solle, fragt er doch tatsächlich (und ich fürchte, ohne selbige subtile Ironie) sehr interessiert nach: „So? In welcher Zeitung, sagen Sie, ist das?“
Ich verabschiede mich kopfschüttelnd.
Vielleicht war meine Ironie tatsächlich nur im Subtext mitschwingend und nicht eindeutig verständlich.

Irgendwie kann ich es ja verstehen.
Nichtstun ist bei weitem nicht so toll, wie es erstmal klingt.
Freizeit kann erdrücken. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.
Und vielleicht führt das bei Männern häufig dazu, dass sie die Decke, die ihnen auf den Kopf zu fallen droht, lieber durch eine Dachterrasse ersetzen und sich buchstäblich von einengenden Wänden befreien.
Indem sie die fehlende eigene Struktur durch die Strukturierung der Leben anderer, ihnen nahestehender Menschen, ersetzen.
Sich gebraucht fühlen, wenn sie in der „Männerdomäne“ Technik dazu beitragen, dass irgendwas irgendwie wieder läuft.
Und sei es nur ein Radio.

Seitdem suche ich nach kaputten technischen Geräten.
Weckern. Radios. CD-Playern.
Ich habe mir nämlich überlegt, vorsorglich eine Sammlung anzulegen.

Lieber Papa, lieber Schwiegerpapa in spe, ich tue das für euch! Damit ihr euch gebraucht fühlt- später, wenn es soweit ist.

Naja. Ein bisschen tue ich das auch für mich.
Weil ich keine Lust habe, dass mein Haus irgendwann dem „Änderhaus“ aus der Unendlichen Geschichte gleicht und ich morgens nach dem Aufwachen auf dem Weg zur Dusche feststellen muss, dass sich das Badezimmer nun in einem zweiten Stock befindet, den es am Vorabend noch nicht gab.
Und die Dusche, die bislang nervtötend tröpfelte, nun gar kein Wasser mehr ausschüttet.

Liebe Mama, liebe Schwiegermama in spe: Auch für euch tue ich das!
Ich denke nämlich, ihr wünscht euch keinen Freizeitpark im Garten.
Oder einen Fußballplatz.

Und, liebste ungeborene Kinder, vor allem tue ich das für euch.
Damit ihr in Ruhe nach der 9. Klasse die Schule abbrechen und freischaffende Künstler werden könnt.
Oder Kioskbesitzer.
Wenn euch das glücklich macht.

Liebesgeschichten (mit Blumen)

5 Sep

Eigentlich wollte ich nur kurz ein paar Lilien für meine Bodenvase im Flur kaufen.
Ich stand also im Blumenladen an der Kasse (irgendwie beginnen meine Blogeinträge meistens damit, dass ich an der Kasse stehe, vielleicht rechne ich demnächst mal aus, wieviel meiner Lebenszeit ich an Kassen verbringe!) und wartete darauf, dass die Floristin der Dame vor mir ihr Biedermeiersträußchen einpackte, als mir ein älterer Herr von hinten auf die Schulter tippte: „Entschuldigung, junge Dame, ich drängele mich ja nur ungern vor, aber meine Frau kommt gleich von ihrem Arzttermin wieder, und ich würde sie gerne in Empfang nehmen, deswegen habe ich es etwas eilig, würde es sie also stören, mich vorzulassen?“

Der Herr war weit über 80, nicht mehr ganz sicher auf den Beinen, und hielt in der Hand einen Bund gelber Rosen.
Ich hatte es nicht eilig, antwortete also mit ja.
Im Folgenden berichtete er mir: „Wissen Sie, wir haben heute 63. Kennenlerntag. Heute vor 63 Jahren trafen wir uns das erste Mal, ich schenke ihr seitdem jedes Jahr an diesem Tag gelbe Rosen!“

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte ich ihn in der Reihe vorgelassen, notgedrungen, weil ich mich sowieso hätte hinter einem Busch Chrysanthemen verstecken müssen, um unauffällig ein Rührungstränchen wegzuwischen.

Und das nicht nur, weil es mich an meine Großeltern erinnert hat.

1944 in der Nähe von Frankfurt.
Jahresball im Vereinsheim.
Die Schwester meiner Großmutter wollte dort tanzen, mit ihrem Freund.
Meine Großmutter nicht. Sie war Single und sah keinerlei Veranlassung, zu diesem Ball zu gehen.
Dummerweise sollte sie als Anstandsdame fungieren.
Ihre Schwester hatte schon mehrfach versucht, sie zu verkuppeln, so auch dieses Mal.
„Mein Freund hat einen ganz netten Arbeitskollegen, den Leo. Der wäre was für dich!“
„Leo?!?“ Meine Oma war schon immer sehr direkt. „Ich glaube kaum, dass ein Mann mit einem derart bescheuerten Namen jemand für mich sein könnte!“
Schließlich ging sie mit. Weil ihre Schwester ansonsten nicht die elterliche Erlaubnis bekommen hätte.

Zeitgleich redete der Freund der Schwester meiner Oma auf seinen Kollegen ein: „Leo, du musst mitkommen! Elfriede darf nicht zum Ball, wenn ihre Schwester nicht mitkommt! Und die braucht einen Begleiter!“
„Aber ich muss doch arbeiten!“ sagte mein Opa (er verdiente sich derzeit nach der normalen Arbeit noch etwas Geld mit Schnapsbrennerei dazu.)
„Dann kommst du halt später!“ antwortete Walter, „und bring am besten gleich ein bisschen Schnaps mit!“

Der Tag des Balls.
Mein Großvater war ein Mann, der wusste, was sich gehörte.
Auch wenn er wenig begeistert war, nach Feierabend noch zu einem Ball gehen zu müssen, um der Begleiter einer ihm unbekannten „Lydia“ zu sein („Ist sie denn wenigstens hübsch?“), gab er Walter einen Strauß weißer Rosen mit, mit der Bitte, sie meiner Oma im Vorfeld zu übergeben, um zu entschuldigen, dass er erst später käme.

Walter überreichte die Rosen. Allerdings an seine eigene Freundin, die Schwester meiner Oma, die sehr entzückt war, dass ihr ansonsten doch eher sparsamer Freund eine solche Investition gewagt hatte.

Dann saß meine Oma am hintersten Tisch des Raumes, mit Blickrichtung zur Tür. Bei jedem Herrn im Anzug, der den Raum betrat, flüsterte Elfriede aufgeregt: „Das ist bestimmt Leo!“
Gelegentlich schnupperte sie auch verzückt an „ihrem“ Rosenstrauß).
Aber ein Mann nach dem anderen ging vorbei.

Nach einer Stunde war meine Oma völlig genervt und sagte: „Ich geh gleich nach Hause, und euren Leo könnt ihr euch sonstwohin stecken!“, als die Tür aufging, und ein großer, schlanker und überdurchschnittlich attraktiver Mann den Raum betrat, auf den sich alle Blicke richteten.
„DAS ist Leo!“ jubelte Elfriede zufrieden.
„Klar!“ sagte meine Oma, „genauso, wie die letzten 15 Männer, die diesen Raum betreten haben, auch!“, stand auf, und wollte ihren Mantel holen.
Aber der Mann kam auf den Tisch zu, blieb vor ihr stehen und sagte: „Guten Abend, Sie müssen Lydia sein! Entschuldigen Sie vielmals die Verspätung! Meine Blumen sollten Sie aber schon erhalten haben? Ich habe weiße Rosen gewählt- aber vielleicht werden sie im Laufe der Zeit ja noch rot?“
Da sprang meine Oma mit einem Aufschrei auf ihre Schwester zu, riss ihr die Rosen aus der Hand und schrie: „Gib her! Das sind meine!!!“

Danach haben sie den ganzen Abend getanzt und geredet.
Mein Opa fand Lydia hübsch.
Und lief jeden Tag nach der Arbeit 15 Kilometer zu Fuß in den Heimatort meiner Oma, um sie zu besuchen.
Und meine Oma fand plötzlich, dass Leo doch gar nicht ein ganz so bescheuerter Name ist.

Die Rosen sind rot geworden.
Und 57 Jahre lang rot geblieben. Dann starb mein Großvater.

Sie hatten gute und schlechte Zeiten, es sind sicherlich auch viele harte Worte gefallen, sie hatten mit schlimmen Schicksalsschlägen zu kämpfen, aber nie haben sie die Liebe und den Respekt voreinander verloren.
In 57 Ehejahren konnte man an 10 Fingern die Nächte abzählen, die sie getrennt voneinander verbrachten.
Und jedes Jahr, am Kennenlerntag, bekam meine Oma einen Strauß weißer Rosen.

Und mein Opa sagte regelmäßig zu mir: „Deine Oma ist das Beste, was mir passieren konnte!“
Und meine Oma sagte: „Dein Opa war vom ersten Moment an meine ganz große Liebe!“

Und ich gebe es an dieser Stelle zu: Nicht zuletzt wegen dieser großen Liebe, die mein Leben lang vor meinen Augen gelebt wurde und die für mich für mich einerseits etwas Selbstverständliches, andererseits doch Besonderes war (das habe ich irgendwie bereits als kleines Kind gespürt), glaube ich an die „große Liebe“.

Und ich glaube auch, dass viele heutzutage zu wenig daran glauben.
Sich binden? Nur unter Vorbehalt!
Geiz ist geil!
Im Grunde logisch: Wenn man, von Anfang an, in Erwägung zieht, eine Beziehung bald wieder aufzugeben, ist es zu teuer, zuviel zu investieren.
Einweg-Beziehungen: mindere Qualität, für kurze Zeit ausreichend, nicht sonderlich stressresistent, aber praktisch. Nicht alleine sein und keinen allzuhohen Preis für die Zweisamkeit zahlen- das Modell vieler Verbindungen.

Das H&M-Prinzip: Man weiß, dass das Top, das man kauft, nicht so schön ist, wie das im Nachbarladen, aber es kostet nur 5,99 €. Man weiß auch, dass es nach 3 Waschgängen total verfusselt ist, an Länge und Farbe eingebüßt, dafür an Breite ein Vielfaches gewonnen hat, aber: Hey, es kostet nur 5,99 €! Dann wirft man es halt weg.
Ein Lebensmodell. Aber nicht meines!

Das „Ja, ich will!“ sagt man nicht erst im Hochzeitskleid vor dem Traualtar, insbesondere auch nicht, weil man mal ein Hochzeitskleid vor dem Traualtar tragen will und weil so viele Menschen darauf warten, dass man es sagt, man sagt es nicht mit dem Wissen, dass es ja rechtliche und tatsächliche Möglichkeiten gibt, Ehen oder Beziehungen zu beenden, das sollte man zumindest nicht.

Ich persönlich sage mein „Ja, ich will!“ in dem Moment, in dem ich einen Menschen so kennengelernt habe, dass ich sagen kann „Ich will groß mit dir werden!“, wenn ich weiß, dass ich bereit bin, mit diesem Menschen zu leben, ihm Fehler zu verzeihen und auch Kompromisse einzugehen.

Deswegen lasse ich ältere Herren an der Kasse im Blumenladen vor und höre mir gerührt Lebensgeschichten an, die in dieser Generation häufig tatsächliche Liebesgeschichten sind.
Liebesgeschichten fern von reinem Disney-Kitsch, Liebesgeschichten, die Liebe so zeigen, wie sie ist: hoch und tief, fröhlich und beschwingt, auch schmerzlich und brutal, kompliziert und nervenaufreibend, beglückend und erfüllend, aber manchmal auch nahezu unerträglich romantisch!
So romantisch, dass man, würde man es in einem Buch lesen, sagen würde: „Na, da hat der Autor aber an dieser Stelle etwas übertrieben!“
Aber, genau, wie bei den schrägsten Jura-Lehrbuchfällen (Man liest sie und denkt sich: Welcher Jura-Freak hat sich denn eine solch unrealistische Fallkonstellation einfallen lassen? Typisch diese Juristen-Nerds!“ und darunter steht dann das Aktenzeichen der Originalentscheidung des BGH) passieren solche Geschichten eben doch.

Ich beobachtete aus dem Blumenladen heraus, wie der ältere Herr vorsichtig über die Straße ging und eine ältere Dame mit weißem Haar, die sich auf ihren Rollator stützte, mit einem Küsschen begrüßte und ihr die Blumen gab, für die sie sich zärtlich bedankte (und ich bildete mir auch über die Entfernung ein, ihre Augen strahlen gesehen zu haben!)

Danach habe ich übrigens die Lilien stehengelassen und einen Strauß weißer Rosen gekauft.
Für den Friedhof.
Und für mein Vertrauen, dass es sie gibt: Diese eine, echte, wahre, große, ewig fortdauernde Liebe!

Der Tag des toten Hamsters

30 Jul

Als ich 5 Jahre alt war, schnitt die Tochter einer Bekannten meiner Eltern meiner Puppe Annabelle im Frontbereich die Haare ab und stylte diese mittels Nivea-Creme zu einem flotten, modischen 80-er Jahre Stehpony.
Als ich, vor Wut und Verzweiflung heulend, mit dieser Puppe vor meinen Eltern stand, die mit den Eltern des Monsterkindes zum Abendessen in geselliger Runde zusammensaßen, wussten diese nicht, wie sie reagieren sollten.
So reagierten sie wie vermutlich die meisten Eltern mit „Ist doch nicht so schlimm!“ „Wir kaufen dir eine neue Puppe!“.
Was meine Ohnmacht und Hilflosigkeit noch größer werden ließ.
Der falsche Ansatz zum Trösten!

Das weiß ich mittlerweile auch.
Und trotzdem erwische ich mich dabei, in den verschiedensten Lebenssituationen gleichsam so zu „trösten“.

Wenn die beste Freundin verheult und verzweifelt vor einem steht, weil ihre Beziehung in die Brüche gegangen ist, hat wohl jeder schon einmal den Satz verwendet: „Sei doch froh, dass du ihn los bist! Andere Mütter haben auch schöne Söhne!“.
Den Bekannten, der einen anruft, um über Jobfrust und Ekelkollegen zu klagen, zu beglücken mit den Worten: „Jetzt nimm erstmal ein schönes heißes Bad und mach dir eine leckere Flasche Wein auf, dann wird das schon alles wieder!“.

Und jeder ist auch selbst sicherlich schon einmal in einer vergleichbaren Situation gewesen und weiß, dass ein heißes Bad oder die Aussicht auf das breite Spektrum attraktiver Single-Herren und Damen in solchen Situationen nicht merklich die Stimmung heben.

Warum aber tun wir uns so schwer damit, zu trösten?
Und Trost: Was ist das überhaupt?
Wikipedia sagt: „Das Wort Trost hängt etymologisch mit dem indogermanischen Wortstamm treu zusammen und bedeutet eigentlich (innere) Festigkeit. Das griechische Wort für „Trost“ bedeutet auch „Ermutigung“.“
Was bedarf es aber für diese innere Festigkeit?
Und Ermutigung?

Man stelle sich folgende Situation vor: Man ist 5 Jahre alt und hat einen Hamster namens „Rocky“. Oder „Schnuffi“. Oder wie auch immer man Hamster nennt, wenn man 5 Jahre alt ist. (Oder nennt man die heutzutage „Sido“, „Bushido“ oder „Justin“?)
Dieser Hamster stirbt. (Meine Blogeinträge sind ja schon immer sehr traurig, aber ich benötige diesen kurzzeitigen Stimmungsumschwung für die Verdeutlichung meiner Gedankengänge).
Man geht also zu Mama und Papa, in Tränen aufgelöst, und heult: „Mein Hamster ist tot!!!“
Variante a) Mama und Papa sagen: „Jetzt stell dich mal nicht so an!“
Variante b) Mama und Papa sagen: „Ist doch nicht so schlimm, wir kaufen einen neuen Hamster!“
Variante c) Mama und Papa fragen: „Was hast du denn da falsch gemacht? Hast du ihn wieder nicht ordentlich gefüttert? Selbst schuld!“
Variante d) Mama und Papa nehmen einen in den Arm und sagen: „Das ist ja ganz schrecklich, da können wir verstehen, dass du ganz traurig bist! Wir sind auch ganz traurig! Aber wir können dem Hamster eine schöne Beerdigung gestalten, er bekommt ein Grab mit Grabstein, im Garten, unter dem Johannisbeerstrauch!“

So. Mit welcher Variante geht es dem Kind wohl am besten?

Um trösten zu können, muss man die Ohnmacht des Kindes aushalten. Das Unglück und den Schmerz anerkennen!

Bei Erwachsenen ist das genauso.
Wir wollen auch nicht hören, dass wir den Hamster (=Beziehung) getötet haben. Wollen keinen neuen Hamster (=Job).

Wenn wir unglücklich sind, wollen wir jemanden, der unser Leid anerkennt, versteht, mitfühlt und mitleidet, der uns im Schmerz beisteht!
Auch, wenn dieser Schmerz objektiv vielleicht nicht so schlimm ist, wie wir ihn subjektiv empfinden.

Daran werde ich denken.
Wenn die Bekannte von mir sich (endlich) von diesem Möchtegern-Mister-Wichtig trennt.
Wenn die Schwester die Klausur nur mit 1,3 anstelle von 1,0 besteht.
Wenn der Lieblingsverein meines Freundes aus der BuLi absteigt.
Ich werde mittrauern. Mitleiden. Mitfühlen. Und damit zur Ermutigung und inneren Festigung beitragen.
In Gedenken an Annabelle.

These Boots Are Made For Walking

6 Jul

Madame ist heute alleine im großen Berlin unterwegs.

„Wir treffen uns dann um 1 am Rosenthaler Platz!“ wurde mir gesagt.
Fragezeichen in meinem Gesicht, ich versuchte noch, es durch wissendes Nicken zu verstecken.
Ich: „Wie komme ich da noch mal hin? Also, ungefähr weiß ich das noch, aber es ist mir gerade entfallen…“
Er: „Du nimmst einfach die U8 und fährst 4 Stationen Richtung Wittenau.“
Ich: „Achso.“ (gedoppeltes Fragezeichen)
Er: „Wie du von hier zur Haltestelle kommst, weißt du aber noch?“
Ich: „Klar!“ (Meine komplette Person verkrümmte sich subjektiv zu einem 1,72 m großen Fragezeichen)
„Aber könntest du nochmal kurz… äh… also nur, falls ich es doch nicht mehr ganz so genau weiß… Also, ich muss aus der Haustür raus und dann links…und dann?!?“
Er: „Öhm, nö, du musst aus der Haustür raus und dann rechts. Und dann ist da eigentlich auch schon die Haltestelle.“

Ja. Und so ist es immer.

Kurzzeitig hatte ich sogar überlegt, ob ich es wagen sollte, aus meiner 28qm-Wohnung umzuziehen in eine 70qm-Wohnung, aus Angst, mich zu verlaufen und irgendwann meinen Papa anrufen zu müssen: „Papa, kannst du schnell vorbeikommen? Ich finde den Weg vom Balkon in die Küche nicht mehr und habe Angst, zu erfrieren. Oder zu verhungern!“

Mein Papa ist diesbezüglich nämlich gern gefragtes Navigationsmedium.

Als ich das erste Mal alleine mit dem Auto in eine größere, fremde Stadt (Münster) fuhr, parkte ich in einem Parkhaus.
4 Stunden später fand ich selbiges nicht wieder. Mit Namen merken hab ich es ja nicht so.

Also rief ich meinen Papa an. Ich sagte: „Papa, ich finde mein Auto nicht.“
Papa: „Wo bist du denn?“
Ich: „Ja, in Münster!“
Papa: „Wo denn dort genau jetzt?“
Ich: „Vor H&M.“
Papa: „Ach soooo! (????) Hast du auch eine etwas konkretere geografische Angabe, wo du bist? Sowas Unkonventionelles wie einen Straßennamen?“
Nach einigem Suchen fand ich einen selbigen.
Papa: „Und wo hast du ungefähr geparkt?“
Ich: „Ja, an dieser Kirche halt.“
Papa: „Aaaah! Ja, dann! Klar!“
Ich (freudig): „Oh, weißt du es?!?“
Papa: “ Tatjana, du bist in MÜNSTER!“ Weißt du eigentlich, wie viele Kirchen es dort gibt?“ (Damals wusste ich es nicht, ich habe es später mal gegoogelt, in der Stadt selbst gibt es etwa 70 katholische und tatsächlich sogar zwei oder drei evangelische Sakralbauten.)
Ich: „Daneben war auch noch so ein Turm, irgendwie…“

Nun gut. Wir fanden es heraus. Weil ich mich an ein Schuhgeschäft in der Nähe namentlich erinnerte. Und in dieser kumulativen Zusammenkunft Kirche-Turm-Schuhe konnte mein Vater mich auf den richtigen Weg bringen.

Meine Orientierungslosigkeit begann bereits früh.

Meine Mutter konnte selten mit mir einkaufen gehen, ohne dass ich verloren ging. In Anbetracht der glitzernden Konsumwelt, vorzugsweise in Kaufhäusern, blieb ich regelmäßig fasziniert auf der Strecke.
Während meine kleine Schwester, sobald ihr dies passierte, mit sirenenartigem Brüllen und Heulen auf die Tatsache aufmerksam macte, dass sie mutterlos in einem riesigen Kaufhaus verloren war, erfreute ich mich der neuen Erfahrungen, die mir durch die kurzzeitige Mutterlosigkeit beschert wurden.

Mit zwei Jahren ging ich meiner Mutter an der Kasse verloren, als diese nur kurz meine Hand los ließ, um ihr Portemonaie zu zücken.
Danach war das Kind weg.
Völlig panisch hetzte sie durch den Laden, atemlos, suchte ihr Kind, voller Sorge, vorbei an einer 8-köpfigen Familie mit Kindern jeden Alters, die allesamt Schuhe anprobierten, besonders zielsicher dabei ein kleines, etwa zweijähriges Mädchen in einem gelben Regenmäntelchen, das sich stilgerecht ein paar farblich passende Gummistiefel aus dem Regal genommen hatte und selbige begeistert über die Füße stülpte…
Meine Mutter blieb abrupt stehen.
Denn bei diesem Kind handelte es sich um ihre Tochter, die sich, mutterlos wie sie war, einer anderen Herde in der Schuhabteilung angeschlossen hatte. (Die Eltern hatten den Zuwachs zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal bemerkt.)

Spätestens an dieser Stelle in aller Deutlichkeit erkennbar: Mein roter Faden sind die Schuhgeschäfte! Sie führen mich immer aus völliger Orientierungslosigkeit zum richtigen Ziel.

An dieser Stelle sei für meinen Freund also vorsorglich hinzugefügt: Sollte ich heute um 1 am Rosenthaler Platz stehen, mit einer Schuhtüte in der Hand, so geschah dieser Kauf nur und ausschließlich aus tiefer Dankbarkeit zu dem Schuhgeschäft, das mir dieses Mal vorher als Wegweiser diente!

Ab in den Süden!

27 Jun

Jahrelang habe ich im Bielefelder Westen gewohnt. Zwischen Werbeagenturen und Selfmade-Läden, Bio-Bunkern und Wannabe-Berlin-Bars, Stricksockengitarrenspielern und poetryslammenden Nerdbrillenträgern.
In einem Altbau mit 3,20 m Deckenhöhe und Originaltüren natürlich.
Einrichtung:  Bisschen Jugendstil, bisschen 60er, bisschen Ikea.
Identität West-Bewohner.

Ich habe genug.
Back to the roots.
Ich ziehe nach Sennestadt. Meiner ursprünglichen Heimat.
Dem südlichsten Vorort von Bielefeld.
Verrufen als sozialer Brennpunkt.
Was der Wedding für Berlin, das ist Sennestadt für Bielefeld.

Aber, und das kann ich, als Quasi-Zweitwohnsitz-Berlinerin, mit Fug und Recht behaupten: Der Wedding ist en vogue.
Die Möchtegern-Hipster ziehen nach Kreuzberg, Friedrichshain- die echten Hipster bevölkern den Wedding. Berlin hat es erkannt!

In Bielefeld bin ich meiner Zeit voraus.
(Wunschdenken: aus. Realität: an.)

Damals, in den 60ern, als mein eher wohlhabender Großvater mit Familie nach Sennestadt zog, war Sennestadt DAS Kreuzberg.
Die Stadt, die neu entstanden war, vom Architekten Reichow auf dem Reißbrett geplant. Vorbildfunktion, daher in allen namhaften Atlanten aufgeführt.
Dort wohnte man.
Außerhalb der Stadt, im Grünen, einen Steinwurf vom Teutoburger Wald entfernt.
Reich, weil viele Gewerbesteuereinnahmen.

Der Anfang vom Untergang folgte 1973: Die Eingemeindung.
Sennestadt protestierte, zog vor das Verfassungsgericht: ohne Erfolg. Bielefeld nahm uns unsere (man beachte die bereits erfolgte Identifikation meinerseits mit der alten und neuen Heimat, die dieses Possessivpronomen stilistisch ausdrückt) Souveränität- und unser Geld!

Langsam ging es bergab mit Sennestadt.
Ich weise daraufhin, dass wir (!) seit Jahrzehnten um einen Stadtbahnanschluss kämpfen!

Jedenfalls, lange vor der Eingemeindung empfahl vermutlich irgendein Anlageberater meinem Großvater die Anlage in Immobilien.
Vorzugsweise Sozialbau-Eigentumswohnungen.
Ich mutmaße, dass es sich dabei um den gleichen Anlageberater handelte, der meinem Großvater empfahl, sein Vermögen in Orientteppiche zu investieren.
Diese Teppiche, die sich nach Antritt der Erbschaft bereits im Auto befanden, um in die Recyclingbörse transportiert zu werden, wurden von meiner Familie demütig wieder dem Kofferraum entnommen, da wir (gottseidank oder leider?) die Quittungen mit dem Einkaufspreis vor der Entsorgung in einem der zahlreichen Aktenordner meiner Großeltern fanden, und feststellen mussten, dass sich der Neuwert des Golfes, in dem sie sich zum Abtransport befanden, durch jeden einzelnen der Teppiche nahezu verdoppelte.

Aber, lieber Opa, liebe Oma, eines habt ihr gut angelegt: eure Liebe zu uns! (Achtung: all diejenigen, die auch ernstgemeinter Rührseligkeit nichts abgewinnen können und sie schlechthin als Kitsch ansehen, bitte ich nun, aufzuhören, zu lesen, und sich damit abzufinden, dass dieser Blogeintrag für sie ein tendenziell jähes Ende nimmt!)

Wirtschaftskrisen, Eingemeindungen, Inflationen können den Erinnerungen, die ich an euch habe, nichts anhaben! Die bleiben! Und die bleiben das Beste, was bleiben kann! Auch (oder gerade) in Sennestadt! ♥

Daher: Sennestadt ist besser, als sein Ruf!
Überzeugt euch! Kommt mich besuchen! Ich werde euch mit einem Wodka vom Russenladen gegenüber empfangen!
Mit Nerd-Brille. In meiner 60-er-Jahre-Sozialbauwohnung. Auf einem 20.000,- DM Orientteppich. Der die Wohnung erst so richtig gemütlich macht.

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