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Liebesgeschichten (mit Blumen)

5 Sep

Eigentlich wollte ich nur kurz ein paar Lilien für meine Bodenvase im Flur kaufen.
Ich stand also im Blumenladen an der Kasse (irgendwie beginnen meine Blogeinträge meistens damit, dass ich an der Kasse stehe, vielleicht rechne ich demnächst mal aus, wieviel meiner Lebenszeit ich an Kassen verbringe!) und wartete darauf, dass die Floristin der Dame vor mir ihr Biedermeiersträußchen einpackte, als mir ein älterer Herr von hinten auf die Schulter tippte: „Entschuldigung, junge Dame, ich drängele mich ja nur ungern vor, aber meine Frau kommt gleich von ihrem Arzttermin wieder, und ich würde sie gerne in Empfang nehmen, deswegen habe ich es etwas eilig, würde es sie also stören, mich vorzulassen?“

Der Herr war weit über 80, nicht mehr ganz sicher auf den Beinen, und hielt in der Hand einen Bund gelber Rosen.
Ich hatte es nicht eilig, antwortete also mit ja.
Im Folgenden berichtete er mir: „Wissen Sie, wir haben heute 63. Kennenlerntag. Heute vor 63 Jahren trafen wir uns das erste Mal, ich schenke ihr seitdem jedes Jahr an diesem Tag gelbe Rosen!“

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte ich ihn in der Reihe vorgelassen, notgedrungen, weil ich mich sowieso hätte hinter einem Busch Chrysanthemen verstecken müssen, um unauffällig ein Rührungstränchen wegzuwischen.

Und das nicht nur, weil es mich an meine Großeltern erinnert hat.

1944 in der Nähe von Frankfurt.
Jahresball im Vereinsheim.
Die Schwester meiner Großmutter wollte dort tanzen, mit ihrem Freund.
Meine Großmutter nicht. Sie war Single und sah keinerlei Veranlassung, zu diesem Ball zu gehen.
Dummerweise sollte sie als Anstandsdame fungieren.
Ihre Schwester hatte schon mehrfach versucht, sie zu verkuppeln, so auch dieses Mal.
„Mein Freund hat einen ganz netten Arbeitskollegen, den Leo. Der wäre was für dich!“
„Leo?!?“ Meine Oma war schon immer sehr direkt. „Ich glaube kaum, dass ein Mann mit einem derart bescheuerten Namen jemand für mich sein könnte!“
Schließlich ging sie mit. Weil ihre Schwester ansonsten nicht die elterliche Erlaubnis bekommen hätte.

Zeitgleich redete der Freund der Schwester meiner Oma auf seinen Kollegen ein: „Leo, du musst mitkommen! Elfriede darf nicht zum Ball, wenn ihre Schwester nicht mitkommt! Und die braucht einen Begleiter!“
„Aber ich muss doch arbeiten!“ sagte mein Opa (er verdiente sich derzeit nach der normalen Arbeit noch etwas Geld mit Schnapsbrennerei dazu.)
„Dann kommst du halt später!“ antwortete Walter, „und bring am besten gleich ein bisschen Schnaps mit!“

Der Tag des Balls.
Mein Großvater war ein Mann, der wusste, was sich gehörte.
Auch wenn er wenig begeistert war, nach Feierabend noch zu einem Ball gehen zu müssen, um der Begleiter einer ihm unbekannten „Lydia“ zu sein („Ist sie denn wenigstens hübsch?“), gab er Walter einen Strauß weißer Rosen mit, mit der Bitte, sie meiner Oma im Vorfeld zu übergeben, um zu entschuldigen, dass er erst später käme.

Walter überreichte die Rosen. Allerdings an seine eigene Freundin, die Schwester meiner Oma, die sehr entzückt war, dass ihr ansonsten doch eher sparsamer Freund eine solche Investition gewagt hatte.

Dann saß meine Oma am hintersten Tisch des Raumes, mit Blickrichtung zur Tür. Bei jedem Herrn im Anzug, der den Raum betrat, flüsterte Elfriede aufgeregt: „Das ist bestimmt Leo!“
Gelegentlich schnupperte sie auch verzückt an „ihrem“ Rosenstrauß).
Aber ein Mann nach dem anderen ging vorbei.

Nach einer Stunde war meine Oma völlig genervt und sagte: „Ich geh gleich nach Hause, und euren Leo könnt ihr euch sonstwohin stecken!“, als die Tür aufging, und ein großer, schlanker und überdurchschnittlich attraktiver Mann den Raum betrat, auf den sich alle Blicke richteten.
„DAS ist Leo!“ jubelte Elfriede zufrieden.
„Klar!“ sagte meine Oma, „genauso, wie die letzten 15 Männer, die diesen Raum betreten haben, auch!“, stand auf, und wollte ihren Mantel holen.
Aber der Mann kam auf den Tisch zu, blieb vor ihr stehen und sagte: „Guten Abend, Sie müssen Lydia sein! Entschuldigen Sie vielmals die Verspätung! Meine Blumen sollten Sie aber schon erhalten haben? Ich habe weiße Rosen gewählt- aber vielleicht werden sie im Laufe der Zeit ja noch rot?“
Da sprang meine Oma mit einem Aufschrei auf ihre Schwester zu, riss ihr die Rosen aus der Hand und schrie: „Gib her! Das sind meine!!!“

Danach haben sie den ganzen Abend getanzt und geredet.
Mein Opa fand Lydia hübsch.
Und lief jeden Tag nach der Arbeit 15 Kilometer zu Fuß in den Heimatort meiner Oma, um sie zu besuchen.
Und meine Oma fand plötzlich, dass Leo doch gar nicht ein ganz so bescheuerter Name ist.

Die Rosen sind rot geworden.
Und 57 Jahre lang rot geblieben. Dann starb mein Großvater.

Sie hatten gute und schlechte Zeiten, es sind sicherlich auch viele harte Worte gefallen, sie hatten mit schlimmen Schicksalsschlägen zu kämpfen, aber nie haben sie die Liebe und den Respekt voreinander verloren.
In 57 Ehejahren konnte man an 10 Fingern die Nächte abzählen, die sie getrennt voneinander verbrachten.
Und jedes Jahr, am Kennenlerntag, bekam meine Oma einen Strauß weißer Rosen.

Und mein Opa sagte regelmäßig zu mir: „Deine Oma ist das Beste, was mir passieren konnte!“
Und meine Oma sagte: „Dein Opa war vom ersten Moment an meine ganz große Liebe!“

Und ich gebe es an dieser Stelle zu: Nicht zuletzt wegen dieser großen Liebe, die mein Leben lang vor meinen Augen gelebt wurde und die für mich für mich einerseits etwas Selbstverständliches, andererseits doch Besonderes war (das habe ich irgendwie bereits als kleines Kind gespürt), glaube ich an die „große Liebe“.

Und ich glaube auch, dass viele heutzutage zu wenig daran glauben.
Sich binden? Nur unter Vorbehalt!
Geiz ist geil!
Im Grunde logisch: Wenn man, von Anfang an, in Erwägung zieht, eine Beziehung bald wieder aufzugeben, ist es zu teuer, zuviel zu investieren.
Einweg-Beziehungen: mindere Qualität, für kurze Zeit ausreichend, nicht sonderlich stressresistent, aber praktisch. Nicht alleine sein und keinen allzuhohen Preis für die Zweisamkeit zahlen- das Modell vieler Verbindungen.

Das H&M-Prinzip: Man weiß, dass das Top, das man kauft, nicht so schön ist, wie das im Nachbarladen, aber es kostet nur 5,99 €. Man weiß auch, dass es nach 3 Waschgängen total verfusselt ist, an Länge und Farbe eingebüßt, dafür an Breite ein Vielfaches gewonnen hat, aber: Hey, es kostet nur 5,99 €! Dann wirft man es halt weg.
Ein Lebensmodell. Aber nicht meines!

Das „Ja, ich will!“ sagt man nicht erst im Hochzeitskleid vor dem Traualtar, insbesondere auch nicht, weil man mal ein Hochzeitskleid vor dem Traualtar tragen will und weil so viele Menschen darauf warten, dass man es sagt, man sagt es nicht mit dem Wissen, dass es ja rechtliche und tatsächliche Möglichkeiten gibt, Ehen oder Beziehungen zu beenden, das sollte man zumindest nicht.

Ich persönlich sage mein „Ja, ich will!“ in dem Moment, in dem ich einen Menschen so kennengelernt habe, dass ich sagen kann „Ich will groß mit dir werden!“, wenn ich weiß, dass ich bereit bin, mit diesem Menschen zu leben, ihm Fehler zu verzeihen und auch Kompromisse einzugehen.

Deswegen lasse ich ältere Herren an der Kasse im Blumenladen vor und höre mir gerührt Lebensgeschichten an, die in dieser Generation häufig tatsächliche Liebesgeschichten sind.
Liebesgeschichten fern von reinem Disney-Kitsch, Liebesgeschichten, die Liebe so zeigen, wie sie ist: hoch und tief, fröhlich und beschwingt, auch schmerzlich und brutal, kompliziert und nervenaufreibend, beglückend und erfüllend, aber manchmal auch nahezu unerträglich romantisch!
So romantisch, dass man, würde man es in einem Buch lesen, sagen würde: „Na, da hat der Autor aber an dieser Stelle etwas übertrieben!“
Aber, genau, wie bei den schrägsten Jura-Lehrbuchfällen (Man liest sie und denkt sich: Welcher Jura-Freak hat sich denn eine solch unrealistische Fallkonstellation einfallen lassen? Typisch diese Juristen-Nerds!“ und darunter steht dann das Aktenzeichen der Originalentscheidung des BGH) passieren solche Geschichten eben doch.

Ich beobachtete aus dem Blumenladen heraus, wie der ältere Herr vorsichtig über die Straße ging und eine ältere Dame mit weißem Haar, die sich auf ihren Rollator stützte, mit einem Küsschen begrüßte und ihr die Blumen gab, für die sie sich zärtlich bedankte (und ich bildete mir auch über die Entfernung ein, ihre Augen strahlen gesehen zu haben!)

Danach habe ich übrigens die Lilien stehengelassen und einen Strauß weißer Rosen gekauft.
Für den Friedhof.
Und für mein Vertrauen, dass es sie gibt: Diese eine, echte, wahre, große, ewig fortdauernde Liebe!

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