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Weiblich, ledig, jung, sucht (nicht)…

14 Sep

„Willst du einen Freund? Dann melde dich bei uns an und finde den richtigen Mann, unkompliziert und kostenlos!“

Dieser Werbebanner begrüßte mich gerade bei Facebook.

Nein. Ich möchte keinen Freund, zufälligerweise habe ich nämlich einen. Den Einen. Den Besten.

Aber natürlich gab es auch einmal Zeiten, da hatte ich keinen.
Und zahlreiche wundervolle Single-Frauen in meinem Umfeld haben keinen und wollen bestimmt auch einen.

Vielleicht sollte ich sie mal darauf hinweisen, dass das ganz einfach ist, mit dem Freund: Unkompliziert und kostenlos! Männerflat!Mit Garantie zum Verlieben. Oder?

Ich oute mich hiermit.
In Zeiten, in denen ich keinen Freund hatte, aber gerne ganz unkompliziert und kostenlos einen gehabt hätte, meldete auch ich mich bei einer entsprechenden Single-Plattform an.
6 Wochen habe ich durchgehalten.
Kostenlos war es, durchaus.
Aber unkompliziert?

Ich meldete mich also damals an.
Legte mir einen Benutzernamen zu, gab mein Geburtsdatum (selbstverständlich mit Zahlendreher in Tag und Monat und einem kleinen Toleranzabzug von 1 Jahr im Geburtsjahr) sowie meinen Wohnort (natürlich nicht Bielefeld, sondern eine andere Stadt im nahen Umfeld) an, ferner, dass ich interessiert an einer „festen Beziehung“ sei.

Noch während ich darüber nachdachte, ob ich denn nun im Folgenden ein Foto hochladen solle, wurde ich angechattet:
„Hallo, ich bin Thomas und dein Profil klingt sehr interessant, du bist genau mein Typ, ich würde dich gerne kennenlernen!“
„Ok,“ dachte ich, „mein Profil offenbart ihm bislang mein (ein klein bisschen korrigiertes) Geburtsdatum und meinen (angeblichen) Wohnort, wenn das schon so interessant ist, dann will ich nicht wissen, was hier abgeht, wenn ich als Hobby „Serviettentechnik“ angebe, vermutlich hagelt es dann sofort Heiratsanträge…“
Noch neu auf dieser Plattform antwortete ich höflich nach Begutachtung seines Profils (die nächsten 453 Male, die in der Folgezeit Chatanfragen mit nahezu identischem Text kamen, habe ich dann auch irgendwann ignoriert…) „Hallo Thomas, vielen Dank für deine nette Anfrage, allerdings suche ich einen Mann, der maximal 50 ist. Leider teile ich ebenfalls nicht deine Tierliebe. Ich wünsche dir aber viel Erfolg bei der weiteren Suche!“

Meine nächste Amtshandlung auf meinem Profil war dann eine Eingrenzung des Alters meines Traummannes sowie der Kommentar „Fotos von Männern mit Tierbabys auf dem Arm als Avatar“ in der Kategorie „Das sollte mein Traummann auf keinen Fall haben“.

In dieser Kategorie ergänzte ich am Folgetag, nachdem ich mittlerweile auch ein Foto hochgeladen hatte, auf dem erkennbar war, dass ich blond und blauäugig bin und keine 120 Kilo wiege) außerdem noch: „Fotos mit nacktem Oberkörper auf ihrem Avatar“ sowie „Fotos mit prolligen Autos auf dem Avatar“, nachdem mich in der Masse der Nachrichten selbige von Justin, 21, „hey süße ich find dich total sexi wolen wir mal tel oder so schik mir doh mal deine priv handynr“ (Antwort: „Lieber Justin, sofern du ernsthaftes Interesse an einer Deutsch-Nachhilfe hast, darfst du dich gerne wieder bei mir melden!“) sowie die von Christian, 38, „Wunderhübsche junge Dame, dürfte ich Sie zum Shopping auf der Kö einladen? Anreise und Shoppingerlebnis sowie ein anschließendes Dinner werden selbstverständlich von mir bezahlt!“ (Antwort: „Werter Herr, vielen Dank für das freundliche Angebot, leider muss ich dankend ablehnen, da ich mein eigenes Geld verdiene und mir sowohl meine Textilgüter als auch die notwendigen Nahrungsmittel selbst finanzieren kann!“)

Ich erspare euch den wörtlichen Rest.

Aber ich wurde eingeladen zu Dates mit Rentnern, bekam Angebote, meinen Körper für sehr viel Geld zu verkaufen, Angebote, den Körper eines Mannes für sehr viel Geld zu kaufen, wurde von ein und demselben Mann quasi minütlich angeschrieben und nach meiner, wie ich finde, sehr netten Antwort auf seine 143. Nachricht: „Hey, warum schreibst du mir nicht zurück, bin ich dir nicht gut genug?“ “ Lieber Heinz, vielen Dank für dein Interesse an meiner Person, leider glaube ich nach Ansicht deines Profils nicht, dass wir so gut zusammen passen, ich wünsche dir aber viel Erfolg bei deiner weiteren Suche nach einer geeigneten Lebenspartnerin“ aufs übelste beleidigt, bekam tatsächlich Heiratsanträge, aber auch wirklich sehr nette Nachrichten von sehr interessanten Herren, mit denen ich mich im wirklichen Leben zu damaliger Zeit möglicherweise gerne mal auf einen Kaffee getroffen hätte.

Aber es war dort immer diese Barriere des „Partnerportals“.
Ich konnte nie glauben, dass das, was mir auf dem Profil preisgegeben wurde, auch tatsächlich der Realität entspricht.
Ich meine, sogar ein grundehrlicher Mensch, wie ich es bin, hat ja geschummelt, zumindest mit der Angabe des Geburtsjahres „1983“.

Und irgendwie war da auch immer die Angst, man könne nach einem solchen Date möglicherweise tatsächlich seinen Lebenabend teilweise in einer Mülltonne in der Arndtstraße verbringen.
Und teilweise im Teutoburger Wald.
Und diese Vorstellung einzelner Teile von mir verstreut in unterschiedlichen Stadtteilen Bielefelds hat mich schließlich auch bewogen, das mit dem Daten mal lieber zu lassen.

Wobei, ich gebe zu: einmal habe ich mich getraut und mit einem sehr netten Banker einen Kaffee getrunken.
Er war wirklich sehr nett.
Und es hätte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein können.
Wenn ich nicht schon einen gut funktionierenden und völlig zufriedenstellenden Freundeskreis hätte.
Und zu mehr reichte es halt einfach nicht, das merkte ich bereits auf den ersten Blick.

Letztlich glaube ich: Die Wahrscheinlichkeit, jemanden kennenzulernen, in den man sich wirklich verliebt, ist nicht kleiner, aber auch nicht größer, als im wirklichen Leben.
Die Gefahr, „falsche“ oder „gefährliche“ Menschen kennenzulernen, ebensowenig.
Aber diese Singlebörsen-Hemmschwelle besteht. Und ist einfach nicht wegzuchatten.

Unkompliziert? Mitnichten.
Kostenlos? Ja.
Aber das ist das Kennenlernen in realiter ja nunmal auch.

Wobei ich eigentlich nichts sagen darf.
Meinen Freund habe ich über Twitter kennengelernt.
Allerdings bat er mich neulich, das doch nicht immer zu betonen.
Er meinte: „Schatz, wenn du schon sagen musst, dass wir uns im Internet kennengelernt haben, könntest du dann nicht wenigstens sagen, über „Facebook“? Das klingt nicht ganz so nerdy wie „Twitter“!“

Fazit: Die Liebe geht ihren eigenen Weg. Manchmal überwindet sie auch Internet-Hemmschwellen.

Und: Twitter ist schließlich auch keine Singlebörse.

Und mein Freund saß auf seinem Avatar auch nicht mit nacktem Oberkörper und einem Babykaninchen in einem R8.
So.
Ich finde, das normalisiert das Ganze.

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