Archiv | Juli, 2012

„…darf’s ein bisschen mehr sein?“

31 Jul

Alles begann mit dieser Vorhangschiene.

Vermutlich in den 60ern von der Vormieterin, die 46 Jahre in dieser Wohnung lebte, angebracht, passten keine der gängigen Gardinenröllchen.

Nachdem ich in sämtlichen Einkaufscentern, Baumärkten und Möbelhäusern diverse 100er Packungen selbiger gekauft, die Verpackung aufgerissen und, nachdem ich sie ausprobiert hatte, diese in den überdimensional großen Karton mit der Aufschrift „Derzeit unnütze Dinge, die man aber möglicherweise irgendwann in seinem Leben nochmal gebrauchen kann“, verstaut hatte, gab Mama mir den Tipp, es doch mal beim örtlichen Raumausstatter zu versuchen. Der vermutlich damals in den 60ern auch die Schiene angebracht hatte.

Etwas unsicher betrat ich den dämmrigen Laden, in dem sich scheinbar wahllos mit Stoffen, Jalousien, Tapeten und Zubehör bepackte Regale befanden.

Hinter der Theke stand eine alte Dame, die sich perfekt in das Inventar eingliederte und die mich erfreut begrüßte; schließlich war ich auch einzige Kundin im Laden.

Mir war etwas unwohl bei der Überlegung, dass sie möglicherweise mutmaßen könnte, ich wolle die Komplettausstattung einer 250-qm-Villa beauftragen, und als sie mich fragte, ob sie mir weiterhelfen könne, antwortete ich daher etwas verschämt: „Äh, ja, hier, ich brauche so Nubsies für Vorhänge, dings… sowas hier!“ und holte etwas zögernd das einzig passende Gardinenröllchen hervor, das ich im weitreichenden Fundus meiner Mutter aufgetrieben hatte.

Hatte ich Enttäuschung in ihrem Gesicht erwartet, befürchtet, dass ich im Folgenden als Kundin zweiter Klasse bedient würde, so war diese Erwartung weit gefehlt.
Gleichbleibend freundlich wie emsig eilte sie zu einem Regal, in dem sich etwa 500 kleine Schublädchen mit verschiedenen Gardinenröllchen befanden, öffnete zielsicher 3-4 der Schubladen, verglich das Vorzeigenubsie mit den in ihrem Sortiment vorhandenen, wägte Für und Wider ab, um schließlich mit dem Schublädchen ihrer Wahl zu mir zurückzukehren.

„Junge Dame, diese hier müssten passen!“ meinte sie. „Und wenn nicht, kommen Sie einfach nochmal vorbei, dann tauschen wir sie um. Wie viele brauchen Sie denn?“
Ich hatte natürlich keine Ahnung, fragte: „Ja, äh, wieviele braucht man denn für so einen Vorhang?“.
Dies wurde mir auf fachmännischste Art und Weise, nicht ohne Erfragung der konkreten Stoffart, Breite und Gebrauchshäufigkeit des Vorhangs, erläutert.
Ich entschloss mich daher, 30 Stück zu kaufen, fragte vorsichtig: „Und was kosten die?“
„9 Cent pro Stück!“ sagte sie, „Aber wenn sie nicht passen oder Sie zu viele gekauft haben, können Sie sie wirklich gerne zurückbringen! Vielleicht ist dann auch mein Sohn da, der ist ja der Fachmann und kann Sie sicher besser beraten!“

Liebevoll wurden meine 30 Gardinenröllchen in eine weiße Papiertüte verpackt und mit zittriger Hand beschriftet: „30 Stück, 2,70 €“.
Ich bekam ferner eine handschriftliche Quittung von einem vergilbten Quittungsblock, bei dem ich fast glaube, der Aufdruck war in Sütterlin geschrieben.

Ich trat hinaus in die Sonne.
Und war gerührt.
Dass man als Kundin so behandelt wird.
Dass es solche Läden noch gibt.
Kundenfreundlichkeit und liebevolle Dienstleistungsbereitschaft für 2,70 €.
Und verurteilte mich zutiefst für meine Zara-, H&M-, IKEA-Mentalität.

Die Gardinenröllchen passen übrigens perfekt.
Aber ich denke, ich werde nächste Woche wieder welche kaufen.
Für meinen „Unnütze Dinge“-Karton.
Einfach nur, weil es so schön war.

Der Tag des toten Hamsters

30 Jul

Als ich 5 Jahre alt war, schnitt die Tochter einer Bekannten meiner Eltern meiner Puppe Annabelle im Frontbereich die Haare ab und stylte diese mittels Nivea-Creme zu einem flotten, modischen 80-er Jahre Stehpony.
Als ich, vor Wut und Verzweiflung heulend, mit dieser Puppe vor meinen Eltern stand, die mit den Eltern des Monsterkindes zum Abendessen in geselliger Runde zusammensaßen, wussten diese nicht, wie sie reagieren sollten.
So reagierten sie wie vermutlich die meisten Eltern mit „Ist doch nicht so schlimm!“ „Wir kaufen dir eine neue Puppe!“.
Was meine Ohnmacht und Hilflosigkeit noch größer werden ließ.
Der falsche Ansatz zum Trösten!

Das weiß ich mittlerweile auch.
Und trotzdem erwische ich mich dabei, in den verschiedensten Lebenssituationen gleichsam so zu „trösten“.

Wenn die beste Freundin verheult und verzweifelt vor einem steht, weil ihre Beziehung in die Brüche gegangen ist, hat wohl jeder schon einmal den Satz verwendet: „Sei doch froh, dass du ihn los bist! Andere Mütter haben auch schöne Söhne!“.
Den Bekannten, der einen anruft, um über Jobfrust und Ekelkollegen zu klagen, zu beglücken mit den Worten: „Jetzt nimm erstmal ein schönes heißes Bad und mach dir eine leckere Flasche Wein auf, dann wird das schon alles wieder!“.

Und jeder ist auch selbst sicherlich schon einmal in einer vergleichbaren Situation gewesen und weiß, dass ein heißes Bad oder die Aussicht auf das breite Spektrum attraktiver Single-Herren und Damen in solchen Situationen nicht merklich die Stimmung heben.

Warum aber tun wir uns so schwer damit, zu trösten?
Und Trost: Was ist das überhaupt?
Wikipedia sagt: „Das Wort Trost hängt etymologisch mit dem indogermanischen Wortstamm treu zusammen und bedeutet eigentlich (innere) Festigkeit. Das griechische Wort für „Trost“ bedeutet auch „Ermutigung“.“
Was bedarf es aber für diese innere Festigkeit?
Und Ermutigung?

Man stelle sich folgende Situation vor: Man ist 5 Jahre alt und hat einen Hamster namens „Rocky“. Oder „Schnuffi“. Oder wie auch immer man Hamster nennt, wenn man 5 Jahre alt ist. (Oder nennt man die heutzutage „Sido“, „Bushido“ oder „Justin“?)
Dieser Hamster stirbt. (Meine Blogeinträge sind ja schon immer sehr traurig, aber ich benötige diesen kurzzeitigen Stimmungsumschwung für die Verdeutlichung meiner Gedankengänge).
Man geht also zu Mama und Papa, in Tränen aufgelöst, und heult: „Mein Hamster ist tot!!!“
Variante a) Mama und Papa sagen: „Jetzt stell dich mal nicht so an!“
Variante b) Mama und Papa sagen: „Ist doch nicht so schlimm, wir kaufen einen neuen Hamster!“
Variante c) Mama und Papa fragen: „Was hast du denn da falsch gemacht? Hast du ihn wieder nicht ordentlich gefüttert? Selbst schuld!“
Variante d) Mama und Papa nehmen einen in den Arm und sagen: „Das ist ja ganz schrecklich, da können wir verstehen, dass du ganz traurig bist! Wir sind auch ganz traurig! Aber wir können dem Hamster eine schöne Beerdigung gestalten, er bekommt ein Grab mit Grabstein, im Garten, unter dem Johannisbeerstrauch!“

So. Mit welcher Variante geht es dem Kind wohl am besten?

Um trösten zu können, muss man die Ohnmacht des Kindes aushalten. Das Unglück und den Schmerz anerkennen!

Bei Erwachsenen ist das genauso.
Wir wollen auch nicht hören, dass wir den Hamster (=Beziehung) getötet haben. Wollen keinen neuen Hamster (=Job).

Wenn wir unglücklich sind, wollen wir jemanden, der unser Leid anerkennt, versteht, mitfühlt und mitleidet, der uns im Schmerz beisteht!
Auch, wenn dieser Schmerz objektiv vielleicht nicht so schlimm ist, wie wir ihn subjektiv empfinden.

Daran werde ich denken.
Wenn die Bekannte von mir sich (endlich) von diesem Möchtegern-Mister-Wichtig trennt.
Wenn die Schwester die Klausur nur mit 1,3 anstelle von 1,0 besteht.
Wenn der Lieblingsverein meines Freundes aus der BuLi absteigt.
Ich werde mittrauern. Mitleiden. Mitfühlen. Und damit zur Ermutigung und inneren Festigung beitragen.
In Gedenken an Annabelle.

Friss oder stirb!

26 Jul

Ich stehe im Lidl an der Kasse.
Es ist 30 Grad Außentemperatur.
Es riecht etwas unangenehm.
Scheint von dem Typen vor mir zu kommen. Ende 40, ungepflegtes Äußeres (ich würde gerne schreiben, dass er eine verwaschene Jogginghose und ein fleckiges Feinrippunterhemd trug, um das Klischee stilistisch auszuarbeiten, aber das wäre gelogen, er trug eine Bermuda und ein „Bier-formte-diesen-Körper“-Shirt).
Naja, denke ich, kann passieren bei dem Wetter, und das kennt man ja selbst, dass nicht jedes Deo, wie es verspricht, 24 Stunden antitranspirierend wirkt, und das Shirt könnte ja auch ein Versehen sein, vielleicht wollte er das Licht im Schlafzimmer nicht anmachen, um seine Frau nicht zu wecken, und hat sich beim Anziehen daher versehentlich dieses Shirt gegriffen, das eigentlich nur ein von ihm selbst zutiefst verachteter und verabscheuter Gag seiner Jungs zum 40. Geburtstag war… also, das Shirt sieht zwar schon eher so abgenutzt aus, dass die Assoziation Lieblings-T-Shirt aufkommt, aber das kann ja auch wieder Gründe haben und ich möchte da auch nichts unterstellen…

Ich wende meinen Blick gedankenverloren ab und schaue auf das Kassenband. Vor meinem Liter Bio-Vollmilch und dem probiotischen Joghurt liegen, säuberlich durch einen Trennstab getrennt, diverse Flaschen Bier und Cola, zwei Flaschen Korn, eine Stange Zigaretten, TK-Pommes, Dosenerbsensuppe mit Bauchspeck und eine Packung Wassereis.
Hm, denke ich, gesund! Dann sage ich mir selbst: Ach, sei doch nicht wieder so wertend, vielleicht ist das ja auch der Alkoholeinkauf für die nächsten 6 Monate, das Essen für eine alte kranke Nachbarin, die sich nur noch zur Mikrowelle und zurück bewegen kann und er fährt gleich noch zum Markt und kauft sich frisches Gemüse und politisch korrektes Fleisch, um sich ein Mittagsmahl zu zaubern, und selbst, wenn nicht, er ist ja erwachsen und es ist sein Leben und es geht dich mal überhaupt gar nichts an, Madame, was der da macht. Und du kannst es vor allem eh nicht ändern…

Plötzlich drängelt sich eine kleine Person an mir vorbei.
Ein kleines Mädchen, etwa 8 Jahre alt, mit einem etwas zu dicken Kinderbauch, über dem sich das T-Shirt spannt und den Bauchnabel freilegt, das Gesicht etwas zu blass und zu teigig für das zarte Alter, die Haare etwas zu fettig, das Gesichtchen etwas zu unglücklich dafür, dass sie maximal 8 Jahre alt und das Leben doch in diesem Alter eigentlich noch weitestgehend sorgenfrei ist-
„Papa?!?“ fragt sie den Typen vor mir bittend, „Da vorne gibt es Märchenbücher! Darf ich so eines haben?“
„Nein!“ ranzt der Vater genervt und aggressiv, „Für sowas haben wir kein Geld!“

Ich drehe mich um, sehe den Aktionstisch mit den Märchenbüchern. Sie kosten 2,99 € pro Stück.
Ich blicke auf die Flaschen Korn.
Sie kosten 3,99 € pro Stück. Die Zigarettenstange. Sie kostet 39,50 €.
Und ich spüre diese Wut in mir hochkrabbeln.
Und muss mich wieder zurückhalten, etwas zu sagen.
Also, stelle mir besser gesagt die Frage: Sagst du jetzt was? Machst du deiner Wut Luft? Bringt das was? Und wenn ja, wem? Den Eltern, die ich kritisiere? Dem Kind, dem sie die Zukunft verbauen? Mir, weil ich es rauslassen kann?

Der Ty bezahlt.
Reißt die Packung mit dem Wassereis auf, drückt seiner Tochter eines in die Hand und brummt: „Hier, nimm und iss.“ Das Kugelbauchkind nimmt und isst.
Ich denke: „Friss oder stirb!“.
Habe echt sowas wie Tränen in den Augen.
Atme dreimal tief durch.
Bezahle auch.
Und gehe.
Wortlos.
Sprachlos.

Einmal habe ich in einer ähnlichen Situation etwas gesagt.
Eine Mutter, das weibliche Pendant zu dem oben beschriebenen Herrn, ließ ihren offensichtlich geistig zurückgeblieben, aber herzerfrischend aufmerksamen, fleißigen, hilfsbereiten und goldigen Sohn 10 Packungen Tabak und 10 Packungen Blättchen abzählen.
Auf dem Band lagen außerdem Wodka und TK-Königsberger Klopse.
Auf meine Frage, ob sie die Vorgehensweise, ihren Jungen mit dem Tabakeinkauf zu beauftragen, für pädagogisch wertvoll erachtete, antwortete sie mir verblüfft und empört: „Aber seine Mathelehrerin hat mir doch gesagt, ich soll mit ihm zählen üben!“

Mir fehlen immer noch die Worte.

Wahre Helden oder: Gedenken an Janusz Korczak

22 Jul

Heute möchte ich mal etwas ganz Ersthaftes schreiben.
Ich möchte an einen der ganz Großen erinnern.
An einen, der mit Sicherheit bei „Die 10 edelmütigsten Menschen der Welt“ bei RTL nicht auftauchen würde, dazu adoptieren die Brangelinas und Madonnas dieser Welt viel zu viele Kinder.
An einen meiner persönlichen Helden, der heute Geburtstag hätte.
An Janusz Korczak.

Wer nichts über ihn weiß, lese es bitte bei Wikipedia oder sonstwie im Internet nach. Alles, was ich über ihn berichten könnte, steht dort besser, präziser und nachhaltiger geschrieben.
Er ist jede Minute der Recherche wert.

Ein Kinderarzt jüdischer Abstammung, der ein jüdisches Waisenhaus leitete, das zu seinem Lebensinhalt wurde.
Und, als im Rahmen der sogenannten „Endlösung“ die Kinder allesamt vergast werden sollten, begleitete er sie in den Tod. Auch, wenn es gleichzeitig seinen eigenen Tod bedeutete. Zu dem er die Nazis quasi zwingen musste.
Er sollte am Leben bleiben.
Prädikat „wertvoll“.
Er wollte nicht.
Nicht ohne „seine“ Kinder.

Ich bin in meinem Leben noch niemals auch nur annähernd einer ähnlichen Extremsituation ausgesetzt gewesen.
Ich habe noch nie die Möglichkeit (oder den Zwang) gehabt, zu beweisen (oder besser: beweisen zu müssen!), dass (oder ob?!?) ich mein Leben oder anderes von bedeutendem Wert dafür gäbe, das Leben anderer zu retten, oder es, wenn auch nur für einige Minuten, erträglicher zu machen.

Wenn ich beten würde, dann betete ich dafür, dass es nie dazu kommt, dies in unter Beweis stellen zu müssen.

Aber wäre dies der Fall, dann betete ich dafür, dass auch ein kleines bisschen Janusz Korczak in mir steckt!

Die 10 einleuchtendsten Gründe, nicht über das Wetter zu motzen!

19 Jul

1. Man läuft nicht Gefahr, zum 100sten Mal auf ein „Buy-2-get-1-free“- Angebot der Sonnencremeindustrie hereinzufallen und kann sich ganz darauf konzentrieren, die 3 Liter Sonnenmilch mit abgelaufenem MHD, die schätzungsweise jeder Bundesdeutsche im Haus hat, zu entsorgen.

2. Wenn die Nachbarn in Urlaub fahren, kann man sich großherzig (und vermeintlich uneigennützig) anbieten, den Garten zu bewässern, und dafür eine Packung Merci und eine Flasche Wein kassieren.

3. Man kann sich zu jedem Paar Schuhe einen farblich passenden Regenschirm kaufen.

4. Man muss nicht jeden Abend in der Sonne im Biergarten sitzen und sich mit Weizen seine Leber ruinieren.

5. Der für „Winterkleidung“ im Keller reservierte Platz bleibt frei.

6. Man kann am Wochenende auf den (überdachten) Bielefelder Uni-Flohmarkt gehen, um Dinge zu kaufen, die man anstelle der Wintersachen im Keller unterbringen kann.

7. Wir essen weniger Fleisch, weil wir weniger grillen. (Ich schaffe nur bei einem Grillevent 500 Gramm). Und in Anbetracht dessen, dass wir regelmäßig politisch inkorrektes Fleisch aus Massentierhaltung grillen (und auch sonst: die armen Kälbchen und Ferkel, auch wenn Bio, sie sind bemitleidenswert!!!), tun wir nachhaltig Gutes, wenn wir nichts tun. Also, nicht grillen.

8. Habt IHR eine Klimaanlage im Auto?!? (Und wenn ja: Erinnert ihr euch an das Gefühl, aus einem auf 21 Grad heruntergekühlten Auto bei 33 Grad Außentemperatur auszusteigen, um im Getränkemarkt 2 Kisten Wasser -man muss ja viel trinken bei der Hitze- und 2 Kisten Bier -man muss ja grillen bei dem Wetter- zu kaufen?)

9. Guckt mal die RTL- oder Pro7-Nachrichten. SSV. Darüber informieren sie (und sie haben Recht!). Schnäppchen schlagen. Bikinis kaufen. Lohnt sich.

10. Motzen macht schlechte Laune. Und schlechte Laune UND schlechtes Wetter sind kaum zu ertragen!

Mein Vater ließ mich langsam in der Auffahrt fahren

16 Jul

Wir haben ein Problem.
Das Bett steht falschherum.
Also, an der falschen Wand.
Oder wie auch immer.

Fakt ist: Egal, wo mein Freund und ich bis jetzt gemeinsam geschlafen haben, er schlief immer rechts an der Wand. Und ich linksaußen.
In meiner neuen Wohnung geht das aufgrund der örtlichen Gegebenheiten nicht. Entweder muss ich rechtsaußen schlafen, oder linksinnen.
Traumatisch für meine Autistenseele.

Mal ehrlich: Unvergessen Dustin Hoffman als „Rain Man“, der uns rührte, bewegte, belustigte…
Sehen wir Menschen in der Stadt, die sich bemühen, nicht auf Linien zu treten, beobachten wir dies ein bisschen amüsiert, ein bisschen mitleidig- aber möglicherweise auch irgendwie, tief in unserem Inneren, ein bisschen verständnisvoll.
Denn: Auch wir sind Menschen und als solche Liebhaber fester Gewohnheiten!
Das wirft die Frage auf: Steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Rain Man?
(Die Leser, die die Überschrift dieses Artikels bis zum Ende nicht verstehen, bitte ich, sich den Film anzuschauen… :))

Ich stehe zu meiner autistischen Seite!
Gibt es morgens bei Bäcker meines Vertrauens keine Kürbiskernbrötchen, verzichte ich auf mein Frühstück („Dann will ich GAR NICHTS!“) und habe den Rest des Tages schlechte Laune.

Ist mein Parkplatz belegt (also, nicht, dass einen solchen angemietet hätte, aber ich parke halt immer dort!) verliere ich plötzlich jeglichen Orientierungssinn und Menschenverstand, weiß nicht mehr, wo ich bin, in meinem Kopf macht es „blingblingbling“ und ich denke jedesmal kurz darüber nach, einfach weiter planlos durch die Gegend zu fahren, bis MEIN Parkplatz wieder frei ist).

Ich überquere bei gewohnten Wegen an festen Stellen die Straße.
Ist dort eine Baustelle, habe ich ein Problem. Dann könnte es passieren, dass ich, wie ein vom Scheinwerferlicht geblendetes Reh, verharre, unfähig, einen anderen Weg zu wählen- es gibt einfach keinen!
Was bei den Baustellenzeiten in Bielefeld durchaus dramatische Folgen haben kann. (Ich erinnere an eine mehrmonatige Baustelle auf der Arndtstraße, die auch noch die Straßenseite wechselte.)
Dass ich nicht unterhalb des Baustellenschildes nächtigte, verdanke ich meinem guten und fürsorglichen sozialen Umfeld.

Warum neigt der Mensch dazu, bestimmte Lebenssituationen möglichst immer gleich zu meistern? Gerade, wenn es um Alltagssituationen geht?

Solange das, was man in beständiger Regelmäßigkeit tut, auch das ist, was einen glücklich macht, ist das ja durchaus auch okay, sogar gut.
Aber: warum hat der Mensch sich dazu entschlossen: Lieber das bekannte Unglück als das unbekannte Glück?

So verhalten wir uns auch in den wirklich wichtigen Situationen des Lebens quasi-autistisch: Wir wählen den Weg, den wir kennen. Auch wenn er uns vorher nie glücklich gemacht hat und dies vermutlich auch nie tun wird.
Aber wir fühlen uns wohler damit. Weil wir das Unglück, das uns ereilt, kennen. Und das Höchstmaß absehen können!

Egal, ob Beziehung, Job oder sonstiges: Hauptsache, altbekannt! Rest egal!

Die meisten, die ich kenne, die es gewagt haben, mit alten Mustern zu brechen, sind glücklicher, als zuvor. Aber der Mut fehlt uns oft!

Wenn ich es recht überlege: Im letzten Jahr habe ich mit altbekannten Mustern gebrochen. Mit Erfolg.
Vielleicht sollte ich das zu meinem neuen Muster machen?

Ok, Freunde. Ich schlafe heute rechtsaußen.

(Das wird sowieso nicht lange notwendig sein, meine Lebensdauer ist fortan klar begrenzt.
Mein ALDI hat nämlich umgebaut. Andere Wege, andere Regale.
Dort kaufte ich immer Essen und Getränke.
Die Folgen dürften zu erahnen sein.)

…das kann ich so nicht stehenlassen!

13 Jul

Zu Anfang ein Songtext.
Dessen Titel mich sehr verstört und verwirrt hat.
Von Tocotronic.

„Michael Ende, du hast mein Leben zerstört“.

Ein Lied mehr zur Lage der Nation,
und zur Degeneration meiner Generation.
Zur Unentschlossenheit der Jugend,
zur Verdrossenheit der Tugend.
Zu meiner aussichtslosen Lage,
und zur Klärung der Schuldfrage.
Und darum klag ich an:

Michael Ende, nur du bist schuld daran,
Daß aus uns nichts werden kann.
Du hast uns mit deinen Tricks,
aus der Gesellschaft ausgeixt.
Mit den Eltern aller Schichten,
willst du uns vernichten.

Michael Ende du hast mein Leben zerstört.
Michael Ende du hast mein Leben zerstört.
Michael Ende du hast mein Leben zerstört.
Michael Ende du hast mein Leben zerstört.

Ich verstehe den Sinn dieses Liedes nicht. Ehrlich gesagt verstehe ich Tocotronic meistens nicht.
Aber, für den Fall, dass dieser Song tatsächlich eine Meinung wiedergeben sollte, die den Titel des Songs bestätigt (an dieser Stelle aufschreiende Tocotronic-Fans werden gebeten, mir eine gegliederte Interpretation der Lyrics zu senden), möchte ich mal eben eine Gegendarstellung schreiben:

Michael Ende, du hast mein Leben bereichert!

Danke für Bastian Balthasar Bux, für diesen großartigen Jungen, der, als kleiner dicker Außenseiter, seine Welt in der Faszination der Bücher und der Phantasie gefunden hat!
Danke für Atreju und Fuchur und ihren unermüdlichen Kampf, durch Höhen und Tiefen, für ihre Heimat und für ihren Freund!

Danke für die zauberhafte Momo, für diese herzensgute und grundehrliche, tatsächlich altruistische Person (meiner Meinung nach der Beweis dafür, dass es den „guten Menschen“, dessen Existenz Brecht literarisch in Frage stellt, tatsächlich geben kann), dafür, dass sie mir immer wieder verdeutlicht hat, wie wichtig es ist, sich Zeit zu nehmen!
Danke für Beppo den Straßenkehrer, der sich als Einziger nicht beirren lässt, als feste Instanz und ein Zeichen, dass es immer diese Freunde gibt, die unbedingten Rückhalt bieten!

Danke für den Glauben an wahre Helden wie Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer, die fernab vom klassischen maskulinen Heldenbild die Sicherheit in mir gefestigt haben, dass, egal, welcher Drache mich entführt, mein Prinz, wenn auch als solcher unerkannt und vielleicht auch nicht auf einem weißen Ross, sondern in einer als Drachen verkleideten Lokomotive, mich retten wird!
Danke für Prinzessin Li Si, die ihren eigenen Kopf hat und, klüger und gebildeter als ihr Freund Jim, nicht dem traditionellen Rollenklischee entspricht!
Danke für Herrn Turtur, der mir zeigte: Es gibt Dinge, die größer und gefährlicher scheinen, als sie sind. Und dass jeder seinen Platz auf dieser Welt hat, und sei es als Leuchtturm auf Lummerland.

Und danke, Michael Ende, dass du nie „was mit Vampiren“ geschrieben hast!

Also, die Herren von Tocotronic:

Alles gut. Ende sehr gut!

„Spieglein, Spieglein…“ oder: Das Schneewittchen-Syndrom

12 Jul

Vor einiger Zeit saß ich im ICE von Berlin nach Bielefeld.
Während ich so in meiner Zeitschrift blätterte, beobachtete ich auf dem Bahnsteig vier Frauen, offensichtlich Freundinnen, so um die 50. Sie verabschiedeten sich tränenreich mit Bussi-Bussi und vielen Umarmungen, bestätigten sich gegenseitig, wie schön doch der Besuch gewesen sei, wie toll doch alle aussähen, dass man das bald wiederholen müsste und so weiter und so fort…
Drei der Damen stiegen in den Zug und setzten sich auf den Viererplatz neben mich. Lächelnd winkten sie der Dame, die auf dem Bahnsteig zurückblieb, zu, und noch während der Zug anfuhr, meinte die erste: „Mann, die ist aber fett geworden!“, die zweite: „Kein Wunder, hast du gesehen, was die alles gegessen hat?!?“ und die dritte: „Und wie es in der Wohnung aussah- die sollte sich vielleicht auch mal um eine Putzfrau kümmern!“.

Und ich dachte nur: Hört das denn nie auf?!?

Innerlich hatte ich ja, sagen wir mal, die vage Hoffnung, dass sich diese frauentypischen Lästereien über die Jahre auswachsen. Dass man toleranter wird, weniger wertend, weniger vergleichend.
Aber anscheinend bleibt dieses „Schneewittchen-Syndrom“ uns über die Jahre erhalten. Unser Leben ist ein einziges „Spieglein, Spieglein an der Wand…“
Wobei der Satz meines Erachtens nicht weitergeht mit „…wer ist die Schönste im ganzen Land?“ sondern vielmehr mit „…wer ist die Schönere, Klügere, Attraktivere, Fleißigere, Erfolgreichere von der gerade zur Verfügung stehenden Vergleichsgruppe der Damen?“
Der Superlativ interessiert uns regelmäßig nicht so sehr, der Komparativ ist aber fast immer eine solche Frage wert.

Immer wieder wird er klischeemäßig thematisiert, der Frauen-Scanner-Blick.
Und durchaus zu Recht!
Wenn wir anderen Frauen begegnen, scannen wir sie einmal. Gesicht-Körper-Füße-Körper-Gesicht, gerne verbunden mit einem gleichgültigen bis leicht überheblichen Gesichtsausdruck.
Wir wenden ihn Tag für Tag an: Äußerlich bezogen auf körperliche Attribute genauso wie innerlich im Hinblick auf nicht sichtbare Faktoren.

Und dann beginnen die Auf- und Abwertungsmechanismen.
Wir sind per se neidisch, weil wir in erster Linie sehen, was an der anderen Frau vermeintlich besser ist.
Und dann versuchen wir, die vermeintlichen Stärken der anderen herunterzureden, um uns selber in der Hierarchie zumindest auf gleicher Stufe einzuordnen.

So geschehen in Berlin. Fashion Week.
Ich, zu meinem Freund: „Die sind ja schon hübsch, die Models…“
Er: „Hmmh.“
Ich: „Aber schon auch ganz schön mager. Oder?“
Er: „Hmmh.“
Ich: „Ja, findest du doch auch, gell? Ich meine, die sind zwar 20 und haben noch voll schöne Haut, nicht so Falten wie ich, und so, aber trotzdem… Ich muss da immer an ausgehungerte Laborratten denken!“
Er: „Hm.“
Ich: „Brüste haben die ja auch nicht.“
Scannerblick. „Guck mal, die Beine haben lauter blaue Flecken, bestimmt, weil die so mager sind. Und die haben wahrscheinlich auch Calcium-Mangel, siehste, die Haare und so-“
Er: „Ähja.“
Ich: „Aber das Kleid ist schön. Meinste, das gibt es auch in meiner Größe?“
Er: „Bestimmt!“
Pause.
Ich: „Ist mein Popo eigentlich zu dick?“
Er: „NEIN!“
Ich: „Ok.“
Pause.
Ich: „Die haben vermutlich alle kein Abi. Wenn man so wenig isst, bleibt ja keine Energie mehr für die notwendige Konzentrationsfähigkeit!“
Er: „Jaha.“
Längere Pause.
Ich: „Hättest du eigentlich lieber so ein 20jähriges, dürres, dummes Model als Freundin?“

Ich schäme mich fast, solche Dialoge niederzuschreiben.
Aber so bin ich. Sind wir Frauen.

Ich kenne kaum eine einzige Frau, die mit sich rundum zufrieden ist. Sich nicht ständig vergleicht.
Gerade in Sachen Optik sind wir da sehr fixiert. Und auch sehr hart. Mit uns. Und mit anderen.

Wir glauben immer, schöner, klüger, besser sein zu müssen, um liebenswert zu sein.
Glauben, dass unser Kampf um die Spezies Mann dies erfordert.

Andererseits, liebe Artgenossinnen des weiblichen Geschlechts: Wählen wir uns das Männermodel mit dem durchtrainierten Adoniskörper, oder doch den mit dem Grübchenlächeln, der uns jede Woche einen Strauß Blumen mitbringt?
Wollen wir den erfolgreichen Investmentbanker mit vollem Haarschopf, gebleachten Zähnen, Boss-Anzug und Porsche, oder doch lieber den Pädagogen mit Glatze, Segelohren, dafür aber wahnsinnig tollen blauen Augen, der so toll Gitarre spielt, mit uns stundenlang unsere Lieblingsfilme guckt und uns den Rücken streichelt?

Warum sollte das andersherum anders sein?!?

In einer Phase, in der ich ein paar Kilo abnehmen wollte (vermutlich, weil ich Frauen gesehen hatte, die schlanker waren), und bei der Frage: „Hast du Hunger? Wollen wir was essen?“ tagtäglich antwortete: „Nein.“ oder: „Aber nur einen kleinen Salat mit ölfreiem Dressing!“, sagte mein Freund irgendwann zu mir: „Ach, weißt du, das war so schön, am Anfang unserer Beziehung, als du noch IMMER Hunger hattest und man mit dir IMMER Döner essen gehen konnte!“

Eine döneressende Frau.
Auf der Bewertungsskala sehr vieler Männer vermutlich ganz weit oben.
Auf selbiger Bewertungsskala ganz weit unten hingegen wahrscheinlich herausstehende Hüftknochen.
So viel zu der Frage: „Wer ist die Schlankere?“.

Mein Mann mäkelt nicht herum an mir.
Vergleicht mich nicht.
Sucht nicht meine Schwächen.
Für ihn bin ich nur Eines: Die Einzige!
Genau so, wie ich bin.
Mit meiner etwas zu großen Nase.
Meinem kleinen Kugelbauch.
Meinen Piercingnarben.
Meiner Zahnlücke.
Meinen Augenfältchen.

Und ich denke, dass, wenn ich morgens im Bad stünde, vor dem Spiegel, und ihn fragen würde: „Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land!“ so würde mir mein Spiegel (denn wenn er sprechen könnte, wäre er ein sehr weiser und philosophischer, lebenserfahrener Spiegel) wohl antworten:
„Im ganzen Land? Kann ich dir nicht sagen, vermutlich nicht du, aber das interessiert mich auch nicht!
Hier im Badezimmer bist du jedenfalls die Schönste.
Und am Allerschönsten bist du, wenn du mich und dich NICHT STÄNDIG fragst, wer die Schönste ist!
Sondern einfach mal zufrieden damit bist, du zu sein!!!
Und jetzt geh, verdammt noch mal, Döner essen!!!“

These Boots Are Made For Walking

6 Jul

Madame ist heute alleine im großen Berlin unterwegs.

„Wir treffen uns dann um 1 am Rosenthaler Platz!“ wurde mir gesagt.
Fragezeichen in meinem Gesicht, ich versuchte noch, es durch wissendes Nicken zu verstecken.
Ich: „Wie komme ich da noch mal hin? Also, ungefähr weiß ich das noch, aber es ist mir gerade entfallen…“
Er: „Du nimmst einfach die U8 und fährst 4 Stationen Richtung Wittenau.“
Ich: „Achso.“ (gedoppeltes Fragezeichen)
Er: „Wie du von hier zur Haltestelle kommst, weißt du aber noch?“
Ich: „Klar!“ (Meine komplette Person verkrümmte sich subjektiv zu einem 1,72 m großen Fragezeichen)
„Aber könntest du nochmal kurz… äh… also nur, falls ich es doch nicht mehr ganz so genau weiß… Also, ich muss aus der Haustür raus und dann links…und dann?!?“
Er: „Öhm, nö, du musst aus der Haustür raus und dann rechts. Und dann ist da eigentlich auch schon die Haltestelle.“

Ja. Und so ist es immer.

Kurzzeitig hatte ich sogar überlegt, ob ich es wagen sollte, aus meiner 28qm-Wohnung umzuziehen in eine 70qm-Wohnung, aus Angst, mich zu verlaufen und irgendwann meinen Papa anrufen zu müssen: „Papa, kannst du schnell vorbeikommen? Ich finde den Weg vom Balkon in die Küche nicht mehr und habe Angst, zu erfrieren. Oder zu verhungern!“

Mein Papa ist diesbezüglich nämlich gern gefragtes Navigationsmedium.

Als ich das erste Mal alleine mit dem Auto in eine größere, fremde Stadt (Münster) fuhr, parkte ich in einem Parkhaus.
4 Stunden später fand ich selbiges nicht wieder. Mit Namen merken hab ich es ja nicht so.

Also rief ich meinen Papa an. Ich sagte: „Papa, ich finde mein Auto nicht.“
Papa: „Wo bist du denn?“
Ich: „Ja, in Münster!“
Papa: „Wo denn dort genau jetzt?“
Ich: „Vor H&M.“
Papa: „Ach soooo! (????) Hast du auch eine etwas konkretere geografische Angabe, wo du bist? Sowas Unkonventionelles wie einen Straßennamen?“
Nach einigem Suchen fand ich einen selbigen.
Papa: „Und wo hast du ungefähr geparkt?“
Ich: „Ja, an dieser Kirche halt.“
Papa: „Aaaah! Ja, dann! Klar!“
Ich (freudig): „Oh, weißt du es?!?“
Papa: “ Tatjana, du bist in MÜNSTER!“ Weißt du eigentlich, wie viele Kirchen es dort gibt?“ (Damals wusste ich es nicht, ich habe es später mal gegoogelt, in der Stadt selbst gibt es etwa 70 katholische und tatsächlich sogar zwei oder drei evangelische Sakralbauten.)
Ich: „Daneben war auch noch so ein Turm, irgendwie…“

Nun gut. Wir fanden es heraus. Weil ich mich an ein Schuhgeschäft in der Nähe namentlich erinnerte. Und in dieser kumulativen Zusammenkunft Kirche-Turm-Schuhe konnte mein Vater mich auf den richtigen Weg bringen.

Meine Orientierungslosigkeit begann bereits früh.

Meine Mutter konnte selten mit mir einkaufen gehen, ohne dass ich verloren ging. In Anbetracht der glitzernden Konsumwelt, vorzugsweise in Kaufhäusern, blieb ich regelmäßig fasziniert auf der Strecke.
Während meine kleine Schwester, sobald ihr dies passierte, mit sirenenartigem Brüllen und Heulen auf die Tatsache aufmerksam macte, dass sie mutterlos in einem riesigen Kaufhaus verloren war, erfreute ich mich der neuen Erfahrungen, die mir durch die kurzzeitige Mutterlosigkeit beschert wurden.

Mit zwei Jahren ging ich meiner Mutter an der Kasse verloren, als diese nur kurz meine Hand los ließ, um ihr Portemonaie zu zücken.
Danach war das Kind weg.
Völlig panisch hetzte sie durch den Laden, atemlos, suchte ihr Kind, voller Sorge, vorbei an einer 8-köpfigen Familie mit Kindern jeden Alters, die allesamt Schuhe anprobierten, besonders zielsicher dabei ein kleines, etwa zweijähriges Mädchen in einem gelben Regenmäntelchen, das sich stilgerecht ein paar farblich passende Gummistiefel aus dem Regal genommen hatte und selbige begeistert über die Füße stülpte…
Meine Mutter blieb abrupt stehen.
Denn bei diesem Kind handelte es sich um ihre Tochter, die sich, mutterlos wie sie war, einer anderen Herde in der Schuhabteilung angeschlossen hatte. (Die Eltern hatten den Zuwachs zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal bemerkt.)

Spätestens an dieser Stelle in aller Deutlichkeit erkennbar: Mein roter Faden sind die Schuhgeschäfte! Sie führen mich immer aus völliger Orientierungslosigkeit zum richtigen Ziel.

An dieser Stelle sei für meinen Freund also vorsorglich hinzugefügt: Sollte ich heute um 1 am Rosenthaler Platz stehen, mit einer Schuhtüte in der Hand, so geschah dieser Kauf nur und ausschließlich aus tiefer Dankbarkeit zu dem Schuhgeschäft, das mir dieses Mal vorher als Wegweiser diente!

Modemantras

5 Jul

Fashion Week in Berlin.

Es gibt, meiner Beobachtung nach, verschiedene Kategorien von Menschen, die Einladungen zu den Shows bekommen.

1. Die Schönen und Berühmten, bei denen die Modedesigner sich erhoffen, dass ihre Kollektionen zukünftig auf roten Teppichen getragen und somit adäquat und medienwirksam repräsentiert werden.

2. Die Reichen, bei denen es den Designern vermutlich relativ egal ist, ob diese Menschen optische Adäquanz zur Kollektion aufweisen, Hauptsache, sie zahlen genug Geld dafür und kaufen viel.

3. Die Wichtigen, die in der richtigen Bar oder dem richtigen Club dem richtigen Modemenschen die richtige Designerdroge ausgegeben haben.

4. Die Szene, die selbst „was mit Mode“ oder „was mit Medien“ macht.

5. Menschen, die zufälligerweise eine junge, sympathische, talentierte und aufstrebende Modedesignerin als Nachbarin haben.

In welche Kategorie man uns nun einordnen mag, sei jedem selbst überlassen (bei der Zuordnung zu Kategorie 1-4 bitte ich jedoch aus eigenem, selbstreflektivem Interesse um die Darstellung der Gründe mittels eines Kommentars).

Jedenfalls fahren wir hin.

Und nahezu jede Frau stünde wohl an meiner Stelle vor dem Problem: Was ziehe ich denn da bloß an?

Die Modewelt scheint festen Regeln unterworfen.

Beginnend bereits bei der Heidi-Klum-Dreierregel: Wenn man sich für eine auffällige Farbe im Outfit entscheidet, sollte sich diese dreimalig wiederfinden. Beispielsweise Schuhe, Gürtel, Tasche. Ebenso geht aber auch Tuch, Hut, Nagellack. Oder so.

Habe ich auf der letzten Fashion Week beherzigt. War aber, glaube ich, die Einzige.

Also. Nicht der Berlin-Style.

Was aber dann?

Natürlich habe ich bei der letzten Fashion Week vor 6 Monaten beobachtend Recherche betrieben.

Und danach eine neue Regel aufgestellt. Für den Berliner Fashion Code benötigt man

1. ein Designerstück

2. ein Mainstream-Billigteil (H&M, Zara etc)3. was Abgefucktes vom Flohmarkt ( Vintage-Stiefel, Retro-Brille, dreckige Straußenlederhandtasche seien hier als Beispiele genannt)

4. was Selbstgemachtes (Nähen, Stricken, Häkeln, Kleben, Flechten, Knoten: alles erlaubt!)

5. und: etwas zum Rest des Outfits (für den Provinzler oder Fashion-Laien) definitiv überhaupt nicht Passendes wie Neon-Tennissocken, Bommelmütze, Uralt-Sneakers mit bunten Schnürsenkeln, Jogginghose).

In meinem Kleiderschrank alles vorhanden.

Aber, im sich ständig wandelnden, dem Trend immer eine Zehntelsekunde vorauseilenden, stylingaffinen Berlin ist auch dieses Mode-Mantra vermutlich bereits seit 5 1/2 Monaten wieder überholt.

Insofern werde ich mich outen. Als Provinzlerin. Außenseiterin. Fashionverweigererin.

Bevor man glauben könnte, ich hechtete einem Trend hinterher, trage ich vielleicht einfach mal ein innovatives, modisches, extravagantes Schwarz.

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