Archiv | Juni, 2012

Frucht der Erkenntnis

28 Jun

Warum werden Kinder überproportional häufiger nach Obst- als nach Gemüsesorten benannt?
Aufmerksame Facebook-Freunde und Twitter-Follower meiner Person kennen diese mich seit einiger Zeit beschäftigende Frage bereits.

Warum heißen Kinder von Promis „Peaches“ oder „Apple“, nicht aber „Pickles“ oder „Potato“?

Die gleiche Frage stellte sich mir erneut, als ich Wandfarbe für meine Wohnung kaufte (ich entschied  mich übrigens für die namentlich nicht ganz so spektakuläre Farbe „Schilf“).

So hießen die Grüntöne ebenfalls „Apple“, „Kiwi“,  „Avocado“ (ja, auch ich freute mich kurzzeitig, endlich mal eine Ausnahme des bekannten Schemas gefunden zu haben, aber Wikipedia klärte mich auf, dass es sich auch bei der Avocado um eine Beere, und nicht, wie von mir fälschlicherweise angenommen, um ein Gemüse handelt), die Rottöne „Erdbeere“, „Himbeere“, „Kirsche“ etc.

Ich hätte meine Wand ja auch in „Rosenkohl“ oder „Rote Beete“ gestrichen, sofern mir die Farbe gefallen hätte.
Ich frage mich aber, warum anscheinend bei den meisten Menschen die Assoziation bei „Obst“ positiver ausfällt als die bei „Gemüse“, sonst würde es wohl die Werbeindustrie nicht so inflationär verwenden.

Was mir auch auffiel: Bei den Kindernamen sind es nur die Mädchen, die mit den fruchtigen Varianten leben müssen.
Meine Ursachenforschung ließ mich gedanklich weit zurück gleiten: In die Bibel, nämlich die Schöpfungsgeschichte.
Steht dort, bei Adam und Eva, nicht auch bereits das Obst (sei es nun ein Apfel, oder dies nur eine falsche Übersetzung des Wortes „malum“ und stattdessen eine Feige) als Frucht der Erkenntnis für „Verführung“? Und zwar durch die böse, böse Eva?
(Gott hätte sie mal lieber „Apple“ oder „Feige“ nennen sollen. War aber vermutlich damals noch nicht so hip.)

So. Und jetzt stellt euch mal vor, die Schlange hätte es mit einer Runkelrübe versucht. Oder einem Stück Fenchel.
Ich sage euch: Wir lebten immer noch im Paradies, ohne Feigenblätter vor den Genitalien, glücklich und zufrieden!

Wenn also eine Frau Farbe einkaufen geht und die Farbe „Apple“ sieht, denkt sie vermutlich, wie seinerzeit Eva, einfach nur: „Oh, wie hübsch! Und so ein schöner Name! Mal probieren!“ (Weswegen wahrscheinlich die Farben auch vorzugsweise in kleinen 2-Liter- Eimerchen, quasi Handtaschenformat, abgefüllt sind).
Sie kauft diese Farbe und streicht damit die Wand.

Der Mann sieht abends zuhause die Frau, die Farbe, liest das Wort „Apple“ und denkt „Geschlechtsverkehr!“.

Ob ein Mann bei einer Frau, die Apple heißt, auch gleich an Verführung und Sex denkt, sei an dieser Stelle dahingestellt. Ich werde es jedenfalls nicht riskieren.
Sollte ich irgendwann mal eine Tochter  bekommen, so werde ich sie Brokkoli nennen.

Advertisements

Akademikerprobleme

28 Jun

Mein Polo macht seit Wochen komische Geräusche. Während des Fahrens
stößt er ein zwar nicht sehr lautes, dafür aber kontinuierliches und
gut hörbares Vuvuzela-artiges Hupen aus. Die Lautstärke reicht
jedenfalls dafür aus, dass Passanten sich verwundert nach dem Urheber
dieses absonderlichen Heulens, das ansatzweise an den quäkenden
Mutterruf eines neugeborenen Seehundbabys erinnert, umschauen und
andere Fahrzeuge mir eine Rettungsgasse bilden. Der eine oder andere
Verkehrsteilnehmer fühlte sich meines Erachtens auch bereits von mir
verfolgt und genötigt.

Der Kfz-Mechaniker der günstigen kleinen Werkstatt, in der ich vor
Wichen eine Inspektion habe durchführen lassen (seit der mir dieses
Hupen erstmalig aufgefallen ist) ist unauffindbar verschollen. Aus
Gründen?!?

„Frag doch mal jemanden deiner Freunde!“ schlug meine Mutter vor, als
ich ihr mein Leid klagte. Dies schlug sie auch vor, als ich ihr
mitteilte, dass ich meinen Kellerschlüssel mutmaßlich im Altpapier
entsorgt habe und keine Chance sähe, jemals wieder meinen Kellerraum
zu öffnen.

Und genau da beginnt mein Problem. Klar habe ich Freunde. Nicht ganz
wenige sogar. Die mir in ihrem Metier sicher immer gerne und
vorbehaltlos zur Seite stehen. Aber als Studierte unterliege ich einem
weit verbreiteten Phänomen: mein Freundeskreis besteht hauptsächlich aus nutzlosen Akademikern.
Ich selbst bin Juristin. Hm. Voll nützlich. In jedem Stück Alltag steckt doch auch ein Stück Jura?!?
Ich würde dem zustimmen. Ich wäre SEHR nützlich. Hätte ich Ahnung von Mietrecht, Versicherungsrecht, Sozialrecht…
Stattdessen hatte ich den Schwerpunkt Kriminalwissenschaften. Hey- wenn einer von euch einmal Opfer eines Gewaltverbrechens mit unbekanntem Täter wird- möglicherweise kann ICH ein Täterprofil erstellen. Im Zweifel kann das aber auch das BKA besser.

Klar! Ich habe auch andere Juristenfreunde. Beispielsweise promovierte Europa- und Verfassungsrechtler. Sollte ich also auf die Idee kommen, in den nächsten Monaten einen Staat gründen zu wollen und mit diesem der EU beizutreten, man würde mir sicher gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Weiterhin an meiner Seite habe ich einen mich liebenden Wirtschaftsmathematiker.
Sollte ich also auf die Idee kommen, die auf meinem Girokonto befindlichen 57,13 € gewinnbringend anzulegen, hätte ich definitiv kompetenten Beistand. Insbesondere, wenn es sich um Aktien handelte.
Für den Fall, dass ich mein Vermögen auf diesem Wege verzehntausendfachen könnte, könnte ich mir möglicherweise ein Schloss kaufen.

Dann allerdings würde sich mein Freundeskreis als äußerst lukrativ erweisen.
Ich hätte eine Innenarchitektin an der Hand, die mir bei der Farb- und Stilberatung des Ausbaus des Westflügels sicher gerne und vollumfänglich unter die Arme griffe.

Dem Personal, das ich einstellen würde, könnte ich mit Sicherheit wirksam (außer)ordentlich kündigen, sofern es sich an meiner Minibar vergriffe oder sonstige Schelmereien triebe, dank diverser Personaler, die ich als in diesem Fall hilfreiches Vitamin B verbuchen könnte.

Die Steuererklärung, Anlage V, wäre dann wohl auch kein Problem mehr (auch wenn ich bislang nur Erfahrung mit der Absetzung von Fahrtkosten in der Anlage N habe).

Über Hausrat- und Gebäudeversicherung würde ich mir ebenfalls keine Gedanken machen.

Auch könnte ich in die Touristik-Branche einsteigen- für Marketing und Kalkulation wäre gesorgt.

Leider scheitert dies alles daran, dass ich gerade eine Zalando-Rechnung über 49,95 € in meinem Briefkasten fand- die Anlagepläne sind folglich Vergangenheit.

Der einzige vernünftige und hilfreiche Job in meinem Umfeld wurde bislang durch meine Schwester besetzt. Sie war Physiotherapeutin.

Nach zahlreichen Familienfeiern, auf denen die gesamte Verwandtschaft plötzlich unter unglaublichen Rückenbeschwerden litt, die dringend durch Massage unterbunden werden mussten, eröffnete sie uns, sie würde nun Gesundheitswissenschaften studieren.
Sollte ich also künftig unter massiven Schulterblattverspannungen leiden, kann sie mir jedenfalls vermutlich die soziokulturellen Ursachen dafür nennen, dass meine Krankenkasse eine Massage nicht bezahlt.

Liebe einsame Frisöre, Kfz-Mechaniker, Schlüsseldienstbetreiber, Elektriker (m/w, um dem AGG Rechnung zu tragen) usw- wenn ihr eine beste Freundin sucht, bewerbt euch bitte bei mir! Ich brauche euch!

Herzlichst,

Tatjana

Ab in den Süden!

27 Jun

Jahrelang habe ich im Bielefelder Westen gewohnt. Zwischen Werbeagenturen und Selfmade-Läden, Bio-Bunkern und Wannabe-Berlin-Bars, Stricksockengitarrenspielern und poetryslammenden Nerdbrillenträgern.
In einem Altbau mit 3,20 m Deckenhöhe und Originaltüren natürlich.
Einrichtung:  Bisschen Jugendstil, bisschen 60er, bisschen Ikea.
Identität West-Bewohner.

Ich habe genug.
Back to the roots.
Ich ziehe nach Sennestadt. Meiner ursprünglichen Heimat.
Dem südlichsten Vorort von Bielefeld.
Verrufen als sozialer Brennpunkt.
Was der Wedding für Berlin, das ist Sennestadt für Bielefeld.

Aber, und das kann ich, als Quasi-Zweitwohnsitz-Berlinerin, mit Fug und Recht behaupten: Der Wedding ist en vogue.
Die Möchtegern-Hipster ziehen nach Kreuzberg, Friedrichshain- die echten Hipster bevölkern den Wedding. Berlin hat es erkannt!

In Bielefeld bin ich meiner Zeit voraus.
(Wunschdenken: aus. Realität: an.)

Damals, in den 60ern, als mein eher wohlhabender Großvater mit Familie nach Sennestadt zog, war Sennestadt DAS Kreuzberg.
Die Stadt, die neu entstanden war, vom Architekten Reichow auf dem Reißbrett geplant. Vorbildfunktion, daher in allen namhaften Atlanten aufgeführt.
Dort wohnte man.
Außerhalb der Stadt, im Grünen, einen Steinwurf vom Teutoburger Wald entfernt.
Reich, weil viele Gewerbesteuereinnahmen.

Der Anfang vom Untergang folgte 1973: Die Eingemeindung.
Sennestadt protestierte, zog vor das Verfassungsgericht: ohne Erfolg. Bielefeld nahm uns unsere (man beachte die bereits erfolgte Identifikation meinerseits mit der alten und neuen Heimat, die dieses Possessivpronomen stilistisch ausdrückt) Souveränität- und unser Geld!

Langsam ging es bergab mit Sennestadt.
Ich weise daraufhin, dass wir (!) seit Jahrzehnten um einen Stadtbahnanschluss kämpfen!

Jedenfalls, lange vor der Eingemeindung empfahl vermutlich irgendein Anlageberater meinem Großvater die Anlage in Immobilien.
Vorzugsweise Sozialbau-Eigentumswohnungen.
Ich mutmaße, dass es sich dabei um den gleichen Anlageberater handelte, der meinem Großvater empfahl, sein Vermögen in Orientteppiche zu investieren.
Diese Teppiche, die sich nach Antritt der Erbschaft bereits im Auto befanden, um in die Recyclingbörse transportiert zu werden, wurden von meiner Familie demütig wieder dem Kofferraum entnommen, da wir (gottseidank oder leider?) die Quittungen mit dem Einkaufspreis vor der Entsorgung in einem der zahlreichen Aktenordner meiner Großeltern fanden, und feststellen mussten, dass sich der Neuwert des Golfes, in dem sie sich zum Abtransport befanden, durch jeden einzelnen der Teppiche nahezu verdoppelte.

Aber, lieber Opa, liebe Oma, eines habt ihr gut angelegt: eure Liebe zu uns! (Achtung: all diejenigen, die auch ernstgemeinter Rührseligkeit nichts abgewinnen können und sie schlechthin als Kitsch ansehen, bitte ich nun, aufzuhören, zu lesen, und sich damit abzufinden, dass dieser Blogeintrag für sie ein tendenziell jähes Ende nimmt!)

Wirtschaftskrisen, Eingemeindungen, Inflationen können den Erinnerungen, die ich an euch habe, nichts anhaben! Die bleiben! Und die bleiben das Beste, was bleiben kann! Auch (oder gerade) in Sennestadt! ♥

Daher: Sennestadt ist besser, als sein Ruf!
Überzeugt euch! Kommt mich besuchen! Ich werde euch mit einem Wodka vom Russenladen gegenüber empfangen!
Mit Nerd-Brille. In meiner 60-er-Jahre-Sozialbauwohnung. Auf einem 20.000,- DM Orientteppich. Der die Wohnung erst so richtig gemütlich macht.

Tod am Hochhaus

25 Jun

Sennestadt. 15:30 Uhr nachmittags. Am Fuße eines sechsetagigen 60-er-Jahre-Hochhauses liegt eine 30jährige Frau, Juristin, blond, tot.

In ihren Händen hält sie eine Sprühflasche und einen Lappen.

In ihren geöffneten starren Augen steht der blanke Horror.

Im 4. Stock ist ein Fenster offen.

Was ist passiert? (…und es ist NICHT so einfach, wie ihr denkt!)

Lösung:

Die Frau wollte im Rahmen ihres Umzugs die Fenster putzen.

Allerdings litt sie unter einer ausgeprägten Marienkäferphobie.

Während sie auf der Trittleiter stand und ihr geöffnetes Wohnzimmerfenster in der 4. Etage mit Sidolin einsprühte, stieß sie auf ein Marienkäfernest in ihrem Fensterkasten.

Vor Panik und Entsetzen wollte sie von der Trittleiter springen, geriet ins Straucheln und stürzte in den Tod.

(In Anbetracht der Tatsache, dass sie aufgrund des tragischen Todes das Nest nicht selbst beseitigen musste, verliert diese im Grunde zwar eher dramatische und unerfreuliche Geschichte meiner Meinung nach doch ein bisschen vom schalen Nachgeschmack, der sonst verbliebe.)

%d Bloggern gefällt das: