Archive | März, 2014

R-E-S-P-E-C-T!

8 Mrz

„All I’m asking is for a little respect (just a little bit)!“

Ich habe in der nahen Vergangenheit zwei Situationen erlebt, die mich tief berührt und sehr traurig gemacht haben. Darüber möchte ich schreiben. Es geht um fehlenden Respekt.

Situation 1: Wir wollen ins Kino und gehen über den Alexanderplatz. Wir haben noch Zeit, also blieben wir stehen, um einem wirklich guten Straßenmusiker zuzuhören, der unter der Brücke spielt. Unter dieser Brücke liegt auch ein Obdachloser. Er ist, erkenntlich, sehr sehr betrunken und lehnt an einer Säule. Vermutlich hat er im Laufe der Woche ein paar Karnevalisten getroffen, denn sein (nicht ganz frischgewaschenes) Haar ist bedeckt mit buntem Konfetti. Er liegt da und faselt vor sich hin, unverständlich und unzusammenhängend. Manchmal glaubt man, er wünscht sich bestimmte Songs von dem Musiker, solche, die ihm etwas bedeuten. Irgendwie muss jedem, der ihn sieht, klar sein, dass es sich um einen Menschen handelt, der jeden Bezug zum Leben verloren hat. Und irgendwie ist einem auch klar, dass hinter diesem Menschen ein schreckliches Schicksal steht. Kein Mensch, der nicht Schlimmes erlebt hat, endet so: Besoffen und vollgekotzt unter einer Brücke am Alex, mit all seinem Hab und Gut in einer Aldi-Tüte!
Irgendwann versucht er, sich aufzurappeln. Aufgrund des massiven Alkoholisierungsgrades gestaltet sich dies als ein schwieriges Unterfangen und man fühlt sich an einen riesigen betrunkenen Käfer erinnert, der zappelnd auf dem Rücken liegt und nach seinem Gleichgewicht sucht. Ich denke: „Warum hilft ihm denn keiner?“ (Ich gebe zu, ich habe ihm auch nicht geholfen, so weit ging meine Nächstenliebe auch nicht, aber im Grunde habe ich gedacht: Ich hätte gerne! Ich hätte gerne mich selbst und meinen gewissen Ekel ob der hygienischen Gegebenheiten überwunden, um dieser vom Leben gezeichneten Kreatur auf die Beine zu helfen!) Irgendwie war es so metaphorisch: Ein gefallener Mensch, der es nicht mehr schafft, alleine wieder aufzustehen, und der so tief gefallen ist, dass die Gesellschaft unfähig ist, ihm aufzuhelfen!) Da ich ja ein Mensch bin, der gelegentlich von seinen Emotionen überwältigt wird, bin ich den Tränen nahe! Ich habe das Gefühl, in diesem Moment die ganze Einsamkeit dieses Menschen zu spüren und bin trotzdem unfähig, zu helfen.
Plötzlich fängt neben mir eine Gruppe von jungen Männern Mitte 20, die das Geschehen beobachten, laut an, zu lachen. Sie stoßen sich an und grölen. Äffen ihn nach. Machen ihm das Aufstehen noch schwerer, indem sie ihn schubsen! Und ich merke, dass der Obdachlose das merkt! So betrunken er auch ist, er spürt, dass sie sich über ihn lustig machen. Er will weg, will raus aus dieser Situation, raus aus dem höhnischen Gelächter. Aber er schafft es nicht, schafft es einfach nicht, aufzustehen und wegzulaufen!
Ich beobachte das. Ich höre es. Aber ich sage nichts. Bin sprachlos.

Situation 2: Ich fahre in der U1 von der Arbeit nach Hause. Neben mir sitzt ein geistig behinderter Junge. Offensichtlich, denn sein Gesicht ist ungewöhnlich, irgendwie alles etwas verschoben, der Mund steht offen und er schielt. Er ist vielleicht acht Jahre alt. Und er ist total aufgeregt. Er schaut sich um, freut sich, lacht jeden an und man merkt, dass er das Bahnfahren genießt. Ich bin irgendwie gerührt von soviel Begeisterung für die Welt!
Am Gleisdreieck steigen drei pubertierende Mädchen ein, die noch während des Einsteigens durch lautes Gekicher und Geschrei auffallen. Sie setzen sich uns gegenüber. Der kleine Junge strahlt sie sofort an. Die eine entdeckt ihn, stößt der zweiten in die Seite und zeigt auf den kleinen Jungen: „Ey, guck mal!“ Die zweite beginnt, laut zu kichern und stößt die dritte an. „ÄH!“ schreit die,und zieht eine Grimasse, „Der ist ja eklig! Kann der weggucken?“ und so geht das die nächsten fünf Stationen weiter. Der kleine Junge wird merklich ruhiger. Er lacht nicht mehr. Er guckt nur noch fragend auf die Mädchen, mit großen Augen und offensichtlich völlig verständnislos, was denn da gerade passiert. Ich kann es ihm nicht verübeln: Genau das frage ich mich nämlich auch! Es zerreißt mir das Herz! Der kleine Junge steigt aus. Die Mädchen gackern ihm hinterher. Er zieht die Schultern hoch und versucht, sich hinter seinem riesigen Tornister zu verstecken. Seine Augen sind ganz, ganz leer.

Ich habe Wut! Einfach nur Wut im Bauch! Und Tränen in den Augen! Aber mehr, als die Mädchen giftig anstarren, tue ich auch nicht! Ich sage nichts. Und schäme mich wieder dafür. Und den ganzen Heimweg über frage ich mich: Wo ist meine Zivilcourage geblieben?
Aber noch mehr frage ich mich: Wo ist der Respekt der Menschen füreinander geblieben?
Was hält uns an, Menschen wegen ihrer Andersartigkeit auszulachen? Sie derart unwürdig zu behandeln? Wenn ich eins verinnerlicht habe, dann ist das, dass alle Menschen gleich sind. Und das nicht nur vor dem Gesetz, sondern vor und gegenüber jedem! Ob das „Andere“, was diesen Menschen ausmacht, nun etwas ist, was den Menschen seit seiner Geburt von der sogenannten „Normalität“ unterscheidet, oder etwas, das das Leben aus ihm gemacht hat: es macht keinen Unterschied! Jeder Mensch hat einen Anspruch auf Respekt!

In diesem Sinne hoffe ich, dass irgendjemand nächstes Mal dem Obdachlosen unter der Brücke am Alexanderplatz die Hand reicht und ihm auf den Weg hilft.
Ich hoffe, dass irgendjemand den kleinen Jungen bei der nächsten Fahrt in der U 1 in den Arm nimmt und ihm sagt: „Du bist wunderschön!“
Und ich hoffe, dass genau dieser „irgendjemand“ irgendwann vielleicht ich bin. Dieser irgendjemand, der jemandem, der das gerade ganz nötig braucht, den offenen Respekt zollt, den er verdient.

%d Bloggern gefällt das: