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These Boots Are Made For Walking

6 Jul

Madame ist heute alleine im großen Berlin unterwegs.

„Wir treffen uns dann um 1 am Rosenthaler Platz!“ wurde mir gesagt.
Fragezeichen in meinem Gesicht, ich versuchte noch, es durch wissendes Nicken zu verstecken.
Ich: „Wie komme ich da noch mal hin? Also, ungefähr weiß ich das noch, aber es ist mir gerade entfallen…“
Er: „Du nimmst einfach die U8 und fährst 4 Stationen Richtung Wittenau.“
Ich: „Achso.“ (gedoppeltes Fragezeichen)
Er: „Wie du von hier zur Haltestelle kommst, weißt du aber noch?“
Ich: „Klar!“ (Meine komplette Person verkrümmte sich subjektiv zu einem 1,72 m großen Fragezeichen)
„Aber könntest du nochmal kurz… äh… also nur, falls ich es doch nicht mehr ganz so genau weiß… Also, ich muss aus der Haustür raus und dann links…und dann?!?“
Er: „Öhm, nö, du musst aus der Haustür raus und dann rechts. Und dann ist da eigentlich auch schon die Haltestelle.“

Ja. Und so ist es immer.

Kurzzeitig hatte ich sogar überlegt, ob ich es wagen sollte, aus meiner 28qm-Wohnung umzuziehen in eine 70qm-Wohnung, aus Angst, mich zu verlaufen und irgendwann meinen Papa anrufen zu müssen: „Papa, kannst du schnell vorbeikommen? Ich finde den Weg vom Balkon in die Küche nicht mehr und habe Angst, zu erfrieren. Oder zu verhungern!“

Mein Papa ist diesbezüglich nämlich gern gefragtes Navigationsmedium.

Als ich das erste Mal alleine mit dem Auto in eine größere, fremde Stadt (Münster) fuhr, parkte ich in einem Parkhaus.
4 Stunden später fand ich selbiges nicht wieder. Mit Namen merken hab ich es ja nicht so.

Also rief ich meinen Papa an. Ich sagte: „Papa, ich finde mein Auto nicht.“
Papa: „Wo bist du denn?“
Ich: „Ja, in Münster!“
Papa: „Wo denn dort genau jetzt?“
Ich: „Vor H&M.“
Papa: „Ach soooo! (????) Hast du auch eine etwas konkretere geografische Angabe, wo du bist? Sowas Unkonventionelles wie einen Straßennamen?“
Nach einigem Suchen fand ich einen selbigen.
Papa: „Und wo hast du ungefähr geparkt?“
Ich: „Ja, an dieser Kirche halt.“
Papa: „Aaaah! Ja, dann! Klar!“
Ich (freudig): „Oh, weißt du es?!?“
Papa: “ Tatjana, du bist in MÜNSTER!“ Weißt du eigentlich, wie viele Kirchen es dort gibt?“ (Damals wusste ich es nicht, ich habe es später mal gegoogelt, in der Stadt selbst gibt es etwa 70 katholische und tatsächlich sogar zwei oder drei evangelische Sakralbauten.)
Ich: „Daneben war auch noch so ein Turm, irgendwie…“

Nun gut. Wir fanden es heraus. Weil ich mich an ein Schuhgeschäft in der Nähe namentlich erinnerte. Und in dieser kumulativen Zusammenkunft Kirche-Turm-Schuhe konnte mein Vater mich auf den richtigen Weg bringen.

Meine Orientierungslosigkeit begann bereits früh.

Meine Mutter konnte selten mit mir einkaufen gehen, ohne dass ich verloren ging. In Anbetracht der glitzernden Konsumwelt, vorzugsweise in Kaufhäusern, blieb ich regelmäßig fasziniert auf der Strecke.
Während meine kleine Schwester, sobald ihr dies passierte, mit sirenenartigem Brüllen und Heulen auf die Tatsache aufmerksam macte, dass sie mutterlos in einem riesigen Kaufhaus verloren war, erfreute ich mich der neuen Erfahrungen, die mir durch die kurzzeitige Mutterlosigkeit beschert wurden.

Mit zwei Jahren ging ich meiner Mutter an der Kasse verloren, als diese nur kurz meine Hand los ließ, um ihr Portemonaie zu zücken.
Danach war das Kind weg.
Völlig panisch hetzte sie durch den Laden, atemlos, suchte ihr Kind, voller Sorge, vorbei an einer 8-köpfigen Familie mit Kindern jeden Alters, die allesamt Schuhe anprobierten, besonders zielsicher dabei ein kleines, etwa zweijähriges Mädchen in einem gelben Regenmäntelchen, das sich stilgerecht ein paar farblich passende Gummistiefel aus dem Regal genommen hatte und selbige begeistert über die Füße stülpte…
Meine Mutter blieb abrupt stehen.
Denn bei diesem Kind handelte es sich um ihre Tochter, die sich, mutterlos wie sie war, einer anderen Herde in der Schuhabteilung angeschlossen hatte. (Die Eltern hatten den Zuwachs zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal bemerkt.)

Spätestens an dieser Stelle in aller Deutlichkeit erkennbar: Mein roter Faden sind die Schuhgeschäfte! Sie führen mich immer aus völliger Orientierungslosigkeit zum richtigen Ziel.

An dieser Stelle sei für meinen Freund also vorsorglich hinzugefügt: Sollte ich heute um 1 am Rosenthaler Platz stehen, mit einer Schuhtüte in der Hand, so geschah dieser Kauf nur und ausschließlich aus tiefer Dankbarkeit zu dem Schuhgeschäft, das mir dieses Mal vorher als Wegweiser diente!

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