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Akademikerprobleme

28 Jun

Mein Polo macht seit Wochen komische Geräusche. Während des Fahrens
stößt er ein zwar nicht sehr lautes, dafür aber kontinuierliches und
gut hörbares Vuvuzela-artiges Hupen aus. Die Lautstärke reicht
jedenfalls dafür aus, dass Passanten sich verwundert nach dem Urheber
dieses absonderlichen Heulens, das ansatzweise an den quäkenden
Mutterruf eines neugeborenen Seehundbabys erinnert, umschauen und
andere Fahrzeuge mir eine Rettungsgasse bilden. Der eine oder andere
Verkehrsteilnehmer fühlte sich meines Erachtens auch bereits von mir
verfolgt und genötigt.

Der Kfz-Mechaniker der günstigen kleinen Werkstatt, in der ich vor
Wichen eine Inspektion habe durchführen lassen (seit der mir dieses
Hupen erstmalig aufgefallen ist) ist unauffindbar verschollen. Aus
Gründen?!?

„Frag doch mal jemanden deiner Freunde!“ schlug meine Mutter vor, als
ich ihr mein Leid klagte. Dies schlug sie auch vor, als ich ihr
mitteilte, dass ich meinen Kellerschlüssel mutmaßlich im Altpapier
entsorgt habe und keine Chance sähe, jemals wieder meinen Kellerraum
zu öffnen.

Und genau da beginnt mein Problem. Klar habe ich Freunde. Nicht ganz
wenige sogar. Die mir in ihrem Metier sicher immer gerne und
vorbehaltlos zur Seite stehen. Aber als Studierte unterliege ich einem
weit verbreiteten Phänomen: mein Freundeskreis besteht hauptsächlich aus nutzlosen Akademikern.
Ich selbst bin Juristin. Hm. Voll nützlich. In jedem Stück Alltag steckt doch auch ein Stück Jura?!?
Ich würde dem zustimmen. Ich wäre SEHR nützlich. Hätte ich Ahnung von Mietrecht, Versicherungsrecht, Sozialrecht…
Stattdessen hatte ich den Schwerpunkt Kriminalwissenschaften. Hey- wenn einer von euch einmal Opfer eines Gewaltverbrechens mit unbekanntem Täter wird- möglicherweise kann ICH ein Täterprofil erstellen. Im Zweifel kann das aber auch das BKA besser.

Klar! Ich habe auch andere Juristenfreunde. Beispielsweise promovierte Europa- und Verfassungsrechtler. Sollte ich also auf die Idee kommen, in den nächsten Monaten einen Staat gründen zu wollen und mit diesem der EU beizutreten, man würde mir sicher gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Weiterhin an meiner Seite habe ich einen mich liebenden Wirtschaftsmathematiker.
Sollte ich also auf die Idee kommen, die auf meinem Girokonto befindlichen 57,13 € gewinnbringend anzulegen, hätte ich definitiv kompetenten Beistand. Insbesondere, wenn es sich um Aktien handelte.
Für den Fall, dass ich mein Vermögen auf diesem Wege verzehntausendfachen könnte, könnte ich mir möglicherweise ein Schloss kaufen.

Dann allerdings würde sich mein Freundeskreis als äußerst lukrativ erweisen.
Ich hätte eine Innenarchitektin an der Hand, die mir bei der Farb- und Stilberatung des Ausbaus des Westflügels sicher gerne und vollumfänglich unter die Arme griffe.

Dem Personal, das ich einstellen würde, könnte ich mit Sicherheit wirksam (außer)ordentlich kündigen, sofern es sich an meiner Minibar vergriffe oder sonstige Schelmereien triebe, dank diverser Personaler, die ich als in diesem Fall hilfreiches Vitamin B verbuchen könnte.

Die Steuererklärung, Anlage V, wäre dann wohl auch kein Problem mehr (auch wenn ich bislang nur Erfahrung mit der Absetzung von Fahrtkosten in der Anlage N habe).

Über Hausrat- und Gebäudeversicherung würde ich mir ebenfalls keine Gedanken machen.

Auch könnte ich in die Touristik-Branche einsteigen- für Marketing und Kalkulation wäre gesorgt.

Leider scheitert dies alles daran, dass ich gerade eine Zalando-Rechnung über 49,95 € in meinem Briefkasten fand- die Anlagepläne sind folglich Vergangenheit.

Der einzige vernünftige und hilfreiche Job in meinem Umfeld wurde bislang durch meine Schwester besetzt. Sie war Physiotherapeutin.

Nach zahlreichen Familienfeiern, auf denen die gesamte Verwandtschaft plötzlich unter unglaublichen Rückenbeschwerden litt, die dringend durch Massage unterbunden werden mussten, eröffnete sie uns, sie würde nun Gesundheitswissenschaften studieren.
Sollte ich also künftig unter massiven Schulterblattverspannungen leiden, kann sie mir jedenfalls vermutlich die soziokulturellen Ursachen dafür nennen, dass meine Krankenkasse eine Massage nicht bezahlt.

Liebe einsame Frisöre, Kfz-Mechaniker, Schlüsseldienstbetreiber, Elektriker (m/w, um dem AGG Rechnung zu tragen) usw- wenn ihr eine beste Freundin sucht, bewerbt euch bitte bei mir! Ich brauche euch!

Herzlichst,

Tatjana

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