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Wahre Helden oder: Gedenken an Janusz Korczak

22 Jul

Heute möchte ich mal etwas ganz Ersthaftes schreiben.
Ich möchte an einen der ganz Großen erinnern.
An einen, der mit Sicherheit bei „Die 10 edelmütigsten Menschen der Welt“ bei RTL nicht auftauchen würde, dazu adoptieren die Brangelinas und Madonnas dieser Welt viel zu viele Kinder.
An einen meiner persönlichen Helden, der heute Geburtstag hätte.
An Janusz Korczak.

Wer nichts über ihn weiß, lese es bitte bei Wikipedia oder sonstwie im Internet nach. Alles, was ich über ihn berichten könnte, steht dort besser, präziser und nachhaltiger geschrieben.
Er ist jede Minute der Recherche wert.

Ein Kinderarzt jüdischer Abstammung, der ein jüdisches Waisenhaus leitete, das zu seinem Lebensinhalt wurde.
Und, als im Rahmen der sogenannten „Endlösung“ die Kinder allesamt vergast werden sollten, begleitete er sie in den Tod. Auch, wenn es gleichzeitig seinen eigenen Tod bedeutete. Zu dem er die Nazis quasi zwingen musste.
Er sollte am Leben bleiben.
Prädikat „wertvoll“.
Er wollte nicht.
Nicht ohne „seine“ Kinder.

Ich bin in meinem Leben noch niemals auch nur annähernd einer ähnlichen Extremsituation ausgesetzt gewesen.
Ich habe noch nie die Möglichkeit (oder den Zwang) gehabt, zu beweisen (oder besser: beweisen zu müssen!), dass (oder ob?!?) ich mein Leben oder anderes von bedeutendem Wert dafür gäbe, das Leben anderer zu retten, oder es, wenn auch nur für einige Minuten, erträglicher zu machen.

Wenn ich beten würde, dann betete ich dafür, dass es nie dazu kommt, dies in unter Beweis stellen zu müssen.

Aber wäre dies der Fall, dann betete ich dafür, dass auch ein kleines bisschen Janusz Korczak in mir steckt!

Die 10 einleuchtendsten Gründe, nicht über das Wetter zu motzen!

19 Jul

1. Man läuft nicht Gefahr, zum 100sten Mal auf ein „Buy-2-get-1-free“- Angebot der Sonnencremeindustrie hereinzufallen und kann sich ganz darauf konzentrieren, die 3 Liter Sonnenmilch mit abgelaufenem MHD, die schätzungsweise jeder Bundesdeutsche im Haus hat, zu entsorgen.

2. Wenn die Nachbarn in Urlaub fahren, kann man sich großherzig (und vermeintlich uneigennützig) anbieten, den Garten zu bewässern, und dafür eine Packung Merci und eine Flasche Wein kassieren.

3. Man kann sich zu jedem Paar Schuhe einen farblich passenden Regenschirm kaufen.

4. Man muss nicht jeden Abend in der Sonne im Biergarten sitzen und sich mit Weizen seine Leber ruinieren.

5. Der für „Winterkleidung“ im Keller reservierte Platz bleibt frei.

6. Man kann am Wochenende auf den (überdachten) Bielefelder Uni-Flohmarkt gehen, um Dinge zu kaufen, die man anstelle der Wintersachen im Keller unterbringen kann.

7. Wir essen weniger Fleisch, weil wir weniger grillen. (Ich schaffe nur bei einem Grillevent 500 Gramm). Und in Anbetracht dessen, dass wir regelmäßig politisch inkorrektes Fleisch aus Massentierhaltung grillen (und auch sonst: die armen Kälbchen und Ferkel, auch wenn Bio, sie sind bemitleidenswert!!!), tun wir nachhaltig Gutes, wenn wir nichts tun. Also, nicht grillen.

8. Habt IHR eine Klimaanlage im Auto?!? (Und wenn ja: Erinnert ihr euch an das Gefühl, aus einem auf 21 Grad heruntergekühlten Auto bei 33 Grad Außentemperatur auszusteigen, um im Getränkemarkt 2 Kisten Wasser -man muss ja viel trinken bei der Hitze- und 2 Kisten Bier -man muss ja grillen bei dem Wetter- zu kaufen?)

9. Guckt mal die RTL- oder Pro7-Nachrichten. SSV. Darüber informieren sie (und sie haben Recht!). Schnäppchen schlagen. Bikinis kaufen. Lohnt sich.

10. Motzen macht schlechte Laune. Und schlechte Laune UND schlechtes Wetter sind kaum zu ertragen!

Mein Vater ließ mich langsam in der Auffahrt fahren

16 Jul

Wir haben ein Problem.
Das Bett steht falschherum.
Also, an der falschen Wand.
Oder wie auch immer.

Fakt ist: Egal, wo mein Freund und ich bis jetzt gemeinsam geschlafen haben, er schlief immer rechts an der Wand. Und ich linksaußen.
In meiner neuen Wohnung geht das aufgrund der örtlichen Gegebenheiten nicht. Entweder muss ich rechtsaußen schlafen, oder linksinnen.
Traumatisch für meine Autistenseele.

Mal ehrlich: Unvergessen Dustin Hoffman als „Rain Man“, der uns rührte, bewegte, belustigte…
Sehen wir Menschen in der Stadt, die sich bemühen, nicht auf Linien zu treten, beobachten wir dies ein bisschen amüsiert, ein bisschen mitleidig- aber möglicherweise auch irgendwie, tief in unserem Inneren, ein bisschen verständnisvoll.
Denn: Auch wir sind Menschen und als solche Liebhaber fester Gewohnheiten!
Das wirft die Frage auf: Steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Rain Man?
(Die Leser, die die Überschrift dieses Artikels bis zum Ende nicht verstehen, bitte ich, sich den Film anzuschauen… :))

Ich stehe zu meiner autistischen Seite!
Gibt es morgens bei Bäcker meines Vertrauens keine Kürbiskernbrötchen, verzichte ich auf mein Frühstück („Dann will ich GAR NICHTS!“) und habe den Rest des Tages schlechte Laune.

Ist mein Parkplatz belegt (also, nicht, dass einen solchen angemietet hätte, aber ich parke halt immer dort!) verliere ich plötzlich jeglichen Orientierungssinn und Menschenverstand, weiß nicht mehr, wo ich bin, in meinem Kopf macht es „blingblingbling“ und ich denke jedesmal kurz darüber nach, einfach weiter planlos durch die Gegend zu fahren, bis MEIN Parkplatz wieder frei ist).

Ich überquere bei gewohnten Wegen an festen Stellen die Straße.
Ist dort eine Baustelle, habe ich ein Problem. Dann könnte es passieren, dass ich, wie ein vom Scheinwerferlicht geblendetes Reh, verharre, unfähig, einen anderen Weg zu wählen- es gibt einfach keinen!
Was bei den Baustellenzeiten in Bielefeld durchaus dramatische Folgen haben kann. (Ich erinnere an eine mehrmonatige Baustelle auf der Arndtstraße, die auch noch die Straßenseite wechselte.)
Dass ich nicht unterhalb des Baustellenschildes nächtigte, verdanke ich meinem guten und fürsorglichen sozialen Umfeld.

Warum neigt der Mensch dazu, bestimmte Lebenssituationen möglichst immer gleich zu meistern? Gerade, wenn es um Alltagssituationen geht?

Solange das, was man in beständiger Regelmäßigkeit tut, auch das ist, was einen glücklich macht, ist das ja durchaus auch okay, sogar gut.
Aber: warum hat der Mensch sich dazu entschlossen: Lieber das bekannte Unglück als das unbekannte Glück?

So verhalten wir uns auch in den wirklich wichtigen Situationen des Lebens quasi-autistisch: Wir wählen den Weg, den wir kennen. Auch wenn er uns vorher nie glücklich gemacht hat und dies vermutlich auch nie tun wird.
Aber wir fühlen uns wohler damit. Weil wir das Unglück, das uns ereilt, kennen. Und das Höchstmaß absehen können!

Egal, ob Beziehung, Job oder sonstiges: Hauptsache, altbekannt! Rest egal!

Die meisten, die ich kenne, die es gewagt haben, mit alten Mustern zu brechen, sind glücklicher, als zuvor. Aber der Mut fehlt uns oft!

Wenn ich es recht überlege: Im letzten Jahr habe ich mit altbekannten Mustern gebrochen. Mit Erfolg.
Vielleicht sollte ich das zu meinem neuen Muster machen?

Ok, Freunde. Ich schlafe heute rechtsaußen.

(Das wird sowieso nicht lange notwendig sein, meine Lebensdauer ist fortan klar begrenzt.
Mein ALDI hat nämlich umgebaut. Andere Wege, andere Regale.
Dort kaufte ich immer Essen und Getränke.
Die Folgen dürften zu erahnen sein.)

„Spieglein, Spieglein…“ oder: Das Schneewittchen-Syndrom

12 Jul

Vor einiger Zeit saß ich im ICE von Berlin nach Bielefeld.
Während ich so in meiner Zeitschrift blätterte, beobachtete ich auf dem Bahnsteig vier Frauen, offensichtlich Freundinnen, so um die 50. Sie verabschiedeten sich tränenreich mit Bussi-Bussi und vielen Umarmungen, bestätigten sich gegenseitig, wie schön doch der Besuch gewesen sei, wie toll doch alle aussähen, dass man das bald wiederholen müsste und so weiter und so fort…
Drei der Damen stiegen in den Zug und setzten sich auf den Viererplatz neben mich. Lächelnd winkten sie der Dame, die auf dem Bahnsteig zurückblieb, zu, und noch während der Zug anfuhr, meinte die erste: „Mann, die ist aber fett geworden!“, die zweite: „Kein Wunder, hast du gesehen, was die alles gegessen hat?!?“ und die dritte: „Und wie es in der Wohnung aussah- die sollte sich vielleicht auch mal um eine Putzfrau kümmern!“.

Und ich dachte nur: Hört das denn nie auf?!?

Innerlich hatte ich ja, sagen wir mal, die vage Hoffnung, dass sich diese frauentypischen Lästereien über die Jahre auswachsen. Dass man toleranter wird, weniger wertend, weniger vergleichend.
Aber anscheinend bleibt dieses „Schneewittchen-Syndrom“ uns über die Jahre erhalten. Unser Leben ist ein einziges „Spieglein, Spieglein an der Wand…“
Wobei der Satz meines Erachtens nicht weitergeht mit „…wer ist die Schönste im ganzen Land?“ sondern vielmehr mit „…wer ist die Schönere, Klügere, Attraktivere, Fleißigere, Erfolgreichere von der gerade zur Verfügung stehenden Vergleichsgruppe der Damen?“
Der Superlativ interessiert uns regelmäßig nicht so sehr, der Komparativ ist aber fast immer eine solche Frage wert.

Immer wieder wird er klischeemäßig thematisiert, der Frauen-Scanner-Blick.
Und durchaus zu Recht!
Wenn wir anderen Frauen begegnen, scannen wir sie einmal. Gesicht-Körper-Füße-Körper-Gesicht, gerne verbunden mit einem gleichgültigen bis leicht überheblichen Gesichtsausdruck.
Wir wenden ihn Tag für Tag an: Äußerlich bezogen auf körperliche Attribute genauso wie innerlich im Hinblick auf nicht sichtbare Faktoren.

Und dann beginnen die Auf- und Abwertungsmechanismen.
Wir sind per se neidisch, weil wir in erster Linie sehen, was an der anderen Frau vermeintlich besser ist.
Und dann versuchen wir, die vermeintlichen Stärken der anderen herunterzureden, um uns selber in der Hierarchie zumindest auf gleicher Stufe einzuordnen.

So geschehen in Berlin. Fashion Week.
Ich, zu meinem Freund: „Die sind ja schon hübsch, die Models…“
Er: „Hmmh.“
Ich: „Aber schon auch ganz schön mager. Oder?“
Er: „Hmmh.“
Ich: „Ja, findest du doch auch, gell? Ich meine, die sind zwar 20 und haben noch voll schöne Haut, nicht so Falten wie ich, und so, aber trotzdem… Ich muss da immer an ausgehungerte Laborratten denken!“
Er: „Hm.“
Ich: „Brüste haben die ja auch nicht.“
Scannerblick. „Guck mal, die Beine haben lauter blaue Flecken, bestimmt, weil die so mager sind. Und die haben wahrscheinlich auch Calcium-Mangel, siehste, die Haare und so-“
Er: „Ähja.“
Ich: „Aber das Kleid ist schön. Meinste, das gibt es auch in meiner Größe?“
Er: „Bestimmt!“
Pause.
Ich: „Ist mein Popo eigentlich zu dick?“
Er: „NEIN!“
Ich: „Ok.“
Pause.
Ich: „Die haben vermutlich alle kein Abi. Wenn man so wenig isst, bleibt ja keine Energie mehr für die notwendige Konzentrationsfähigkeit!“
Er: „Jaha.“
Längere Pause.
Ich: „Hättest du eigentlich lieber so ein 20jähriges, dürres, dummes Model als Freundin?“

Ich schäme mich fast, solche Dialoge niederzuschreiben.
Aber so bin ich. Sind wir Frauen.

Ich kenne kaum eine einzige Frau, die mit sich rundum zufrieden ist. Sich nicht ständig vergleicht.
Gerade in Sachen Optik sind wir da sehr fixiert. Und auch sehr hart. Mit uns. Und mit anderen.

Wir glauben immer, schöner, klüger, besser sein zu müssen, um liebenswert zu sein.
Glauben, dass unser Kampf um die Spezies Mann dies erfordert.

Andererseits, liebe Artgenossinnen des weiblichen Geschlechts: Wählen wir uns das Männermodel mit dem durchtrainierten Adoniskörper, oder doch den mit dem Grübchenlächeln, der uns jede Woche einen Strauß Blumen mitbringt?
Wollen wir den erfolgreichen Investmentbanker mit vollem Haarschopf, gebleachten Zähnen, Boss-Anzug und Porsche, oder doch lieber den Pädagogen mit Glatze, Segelohren, dafür aber wahnsinnig tollen blauen Augen, der so toll Gitarre spielt, mit uns stundenlang unsere Lieblingsfilme guckt und uns den Rücken streichelt?

Warum sollte das andersherum anders sein?!?

In einer Phase, in der ich ein paar Kilo abnehmen wollte (vermutlich, weil ich Frauen gesehen hatte, die schlanker waren), und bei der Frage: „Hast du Hunger? Wollen wir was essen?“ tagtäglich antwortete: „Nein.“ oder: „Aber nur einen kleinen Salat mit ölfreiem Dressing!“, sagte mein Freund irgendwann zu mir: „Ach, weißt du, das war so schön, am Anfang unserer Beziehung, als du noch IMMER Hunger hattest und man mit dir IMMER Döner essen gehen konnte!“

Eine döneressende Frau.
Auf der Bewertungsskala sehr vieler Männer vermutlich ganz weit oben.
Auf selbiger Bewertungsskala ganz weit unten hingegen wahrscheinlich herausstehende Hüftknochen.
So viel zu der Frage: „Wer ist die Schlankere?“.

Mein Mann mäkelt nicht herum an mir.
Vergleicht mich nicht.
Sucht nicht meine Schwächen.
Für ihn bin ich nur Eines: Die Einzige!
Genau so, wie ich bin.
Mit meiner etwas zu großen Nase.
Meinem kleinen Kugelbauch.
Meinen Piercingnarben.
Meiner Zahnlücke.
Meinen Augenfältchen.

Und ich denke, dass, wenn ich morgens im Bad stünde, vor dem Spiegel, und ihn fragen würde: „Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land!“ so würde mir mein Spiegel (denn wenn er sprechen könnte, wäre er ein sehr weiser und philosophischer, lebenserfahrener Spiegel) wohl antworten:
„Im ganzen Land? Kann ich dir nicht sagen, vermutlich nicht du, aber das interessiert mich auch nicht!
Hier im Badezimmer bist du jedenfalls die Schönste.
Und am Allerschönsten bist du, wenn du mich und dich NICHT STÄNDIG fragst, wer die Schönste ist!
Sondern einfach mal zufrieden damit bist, du zu sein!!!
Und jetzt geh, verdammt noch mal, Döner essen!!!“

These Boots Are Made For Walking

6 Jul

Madame ist heute alleine im großen Berlin unterwegs.

„Wir treffen uns dann um 1 am Rosenthaler Platz!“ wurde mir gesagt.
Fragezeichen in meinem Gesicht, ich versuchte noch, es durch wissendes Nicken zu verstecken.
Ich: „Wie komme ich da noch mal hin? Also, ungefähr weiß ich das noch, aber es ist mir gerade entfallen…“
Er: „Du nimmst einfach die U8 und fährst 4 Stationen Richtung Wittenau.“
Ich: „Achso.“ (gedoppeltes Fragezeichen)
Er: „Wie du von hier zur Haltestelle kommst, weißt du aber noch?“
Ich: „Klar!“ (Meine komplette Person verkrümmte sich subjektiv zu einem 1,72 m großen Fragezeichen)
„Aber könntest du nochmal kurz… äh… also nur, falls ich es doch nicht mehr ganz so genau weiß… Also, ich muss aus der Haustür raus und dann links…und dann?!?“
Er: „Öhm, nö, du musst aus der Haustür raus und dann rechts. Und dann ist da eigentlich auch schon die Haltestelle.“

Ja. Und so ist es immer.

Kurzzeitig hatte ich sogar überlegt, ob ich es wagen sollte, aus meiner 28qm-Wohnung umzuziehen in eine 70qm-Wohnung, aus Angst, mich zu verlaufen und irgendwann meinen Papa anrufen zu müssen: „Papa, kannst du schnell vorbeikommen? Ich finde den Weg vom Balkon in die Küche nicht mehr und habe Angst, zu erfrieren. Oder zu verhungern!“

Mein Papa ist diesbezüglich nämlich gern gefragtes Navigationsmedium.

Als ich das erste Mal alleine mit dem Auto in eine größere, fremde Stadt (Münster) fuhr, parkte ich in einem Parkhaus.
4 Stunden später fand ich selbiges nicht wieder. Mit Namen merken hab ich es ja nicht so.

Also rief ich meinen Papa an. Ich sagte: „Papa, ich finde mein Auto nicht.“
Papa: „Wo bist du denn?“
Ich: „Ja, in Münster!“
Papa: „Wo denn dort genau jetzt?“
Ich: „Vor H&M.“
Papa: „Ach soooo! (????) Hast du auch eine etwas konkretere geografische Angabe, wo du bist? Sowas Unkonventionelles wie einen Straßennamen?“
Nach einigem Suchen fand ich einen selbigen.
Papa: „Und wo hast du ungefähr geparkt?“
Ich: „Ja, an dieser Kirche halt.“
Papa: „Aaaah! Ja, dann! Klar!“
Ich (freudig): „Oh, weißt du es?!?“
Papa: “ Tatjana, du bist in MÜNSTER!“ Weißt du eigentlich, wie viele Kirchen es dort gibt?“ (Damals wusste ich es nicht, ich habe es später mal gegoogelt, in der Stadt selbst gibt es etwa 70 katholische und tatsächlich sogar zwei oder drei evangelische Sakralbauten.)
Ich: „Daneben war auch noch so ein Turm, irgendwie…“

Nun gut. Wir fanden es heraus. Weil ich mich an ein Schuhgeschäft in der Nähe namentlich erinnerte. Und in dieser kumulativen Zusammenkunft Kirche-Turm-Schuhe konnte mein Vater mich auf den richtigen Weg bringen.

Meine Orientierungslosigkeit begann bereits früh.

Meine Mutter konnte selten mit mir einkaufen gehen, ohne dass ich verloren ging. In Anbetracht der glitzernden Konsumwelt, vorzugsweise in Kaufhäusern, blieb ich regelmäßig fasziniert auf der Strecke.
Während meine kleine Schwester, sobald ihr dies passierte, mit sirenenartigem Brüllen und Heulen auf die Tatsache aufmerksam macte, dass sie mutterlos in einem riesigen Kaufhaus verloren war, erfreute ich mich der neuen Erfahrungen, die mir durch die kurzzeitige Mutterlosigkeit beschert wurden.

Mit zwei Jahren ging ich meiner Mutter an der Kasse verloren, als diese nur kurz meine Hand los ließ, um ihr Portemonaie zu zücken.
Danach war das Kind weg.
Völlig panisch hetzte sie durch den Laden, atemlos, suchte ihr Kind, voller Sorge, vorbei an einer 8-köpfigen Familie mit Kindern jeden Alters, die allesamt Schuhe anprobierten, besonders zielsicher dabei ein kleines, etwa zweijähriges Mädchen in einem gelben Regenmäntelchen, das sich stilgerecht ein paar farblich passende Gummistiefel aus dem Regal genommen hatte und selbige begeistert über die Füße stülpte…
Meine Mutter blieb abrupt stehen.
Denn bei diesem Kind handelte es sich um ihre Tochter, die sich, mutterlos wie sie war, einer anderen Herde in der Schuhabteilung angeschlossen hatte. (Die Eltern hatten den Zuwachs zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal bemerkt.)

Spätestens an dieser Stelle in aller Deutlichkeit erkennbar: Mein roter Faden sind die Schuhgeschäfte! Sie führen mich immer aus völliger Orientierungslosigkeit zum richtigen Ziel.

An dieser Stelle sei für meinen Freund also vorsorglich hinzugefügt: Sollte ich heute um 1 am Rosenthaler Platz stehen, mit einer Schuhtüte in der Hand, so geschah dieser Kauf nur und ausschließlich aus tiefer Dankbarkeit zu dem Schuhgeschäft, das mir dieses Mal vorher als Wegweiser diente!

Frucht der Erkenntnis

28 Jun

Warum werden Kinder überproportional häufiger nach Obst- als nach Gemüsesorten benannt?
Aufmerksame Facebook-Freunde und Twitter-Follower meiner Person kennen diese mich seit einiger Zeit beschäftigende Frage bereits.

Warum heißen Kinder von Promis „Peaches“ oder „Apple“, nicht aber „Pickles“ oder „Potato“?

Die gleiche Frage stellte sich mir erneut, als ich Wandfarbe für meine Wohnung kaufte (ich entschied  mich übrigens für die namentlich nicht ganz so spektakuläre Farbe „Schilf“).

So hießen die Grüntöne ebenfalls „Apple“, „Kiwi“,  „Avocado“ (ja, auch ich freute mich kurzzeitig, endlich mal eine Ausnahme des bekannten Schemas gefunden zu haben, aber Wikipedia klärte mich auf, dass es sich auch bei der Avocado um eine Beere, und nicht, wie von mir fälschlicherweise angenommen, um ein Gemüse handelt), die Rottöne „Erdbeere“, „Himbeere“, „Kirsche“ etc.

Ich hätte meine Wand ja auch in „Rosenkohl“ oder „Rote Beete“ gestrichen, sofern mir die Farbe gefallen hätte.
Ich frage mich aber, warum anscheinend bei den meisten Menschen die Assoziation bei „Obst“ positiver ausfällt als die bei „Gemüse“, sonst würde es wohl die Werbeindustrie nicht so inflationär verwenden.

Was mir auch auffiel: Bei den Kindernamen sind es nur die Mädchen, die mit den fruchtigen Varianten leben müssen.
Meine Ursachenforschung ließ mich gedanklich weit zurück gleiten: In die Bibel, nämlich die Schöpfungsgeschichte.
Steht dort, bei Adam und Eva, nicht auch bereits das Obst (sei es nun ein Apfel, oder dies nur eine falsche Übersetzung des Wortes „malum“ und stattdessen eine Feige) als Frucht der Erkenntnis für „Verführung“? Und zwar durch die böse, böse Eva?
(Gott hätte sie mal lieber „Apple“ oder „Feige“ nennen sollen. War aber vermutlich damals noch nicht so hip.)

So. Und jetzt stellt euch mal vor, die Schlange hätte es mit einer Runkelrübe versucht. Oder einem Stück Fenchel.
Ich sage euch: Wir lebten immer noch im Paradies, ohne Feigenblätter vor den Genitalien, glücklich und zufrieden!

Wenn also eine Frau Farbe einkaufen geht und die Farbe „Apple“ sieht, denkt sie vermutlich, wie seinerzeit Eva, einfach nur: „Oh, wie hübsch! Und so ein schöner Name! Mal probieren!“ (Weswegen wahrscheinlich die Farben auch vorzugsweise in kleinen 2-Liter- Eimerchen, quasi Handtaschenformat, abgefüllt sind).
Sie kauft diese Farbe und streicht damit die Wand.

Der Mann sieht abends zuhause die Frau, die Farbe, liest das Wort „Apple“ und denkt „Geschlechtsverkehr!“.

Ob ein Mann bei einer Frau, die Apple heißt, auch gleich an Verführung und Sex denkt, sei an dieser Stelle dahingestellt. Ich werde es jedenfalls nicht riskieren.
Sollte ich irgendwann mal eine Tochter  bekommen, so werde ich sie Brokkoli nennen.

Akademikerprobleme

28 Jun

Mein Polo macht seit Wochen komische Geräusche. Während des Fahrens
stößt er ein zwar nicht sehr lautes, dafür aber kontinuierliches und
gut hörbares Vuvuzela-artiges Hupen aus. Die Lautstärke reicht
jedenfalls dafür aus, dass Passanten sich verwundert nach dem Urheber
dieses absonderlichen Heulens, das ansatzweise an den quäkenden
Mutterruf eines neugeborenen Seehundbabys erinnert, umschauen und
andere Fahrzeuge mir eine Rettungsgasse bilden. Der eine oder andere
Verkehrsteilnehmer fühlte sich meines Erachtens auch bereits von mir
verfolgt und genötigt.

Der Kfz-Mechaniker der günstigen kleinen Werkstatt, in der ich vor
Wichen eine Inspektion habe durchführen lassen (seit der mir dieses
Hupen erstmalig aufgefallen ist) ist unauffindbar verschollen. Aus
Gründen?!?

„Frag doch mal jemanden deiner Freunde!“ schlug meine Mutter vor, als
ich ihr mein Leid klagte. Dies schlug sie auch vor, als ich ihr
mitteilte, dass ich meinen Kellerschlüssel mutmaßlich im Altpapier
entsorgt habe und keine Chance sähe, jemals wieder meinen Kellerraum
zu öffnen.

Und genau da beginnt mein Problem. Klar habe ich Freunde. Nicht ganz
wenige sogar. Die mir in ihrem Metier sicher immer gerne und
vorbehaltlos zur Seite stehen. Aber als Studierte unterliege ich einem
weit verbreiteten Phänomen: mein Freundeskreis besteht hauptsächlich aus nutzlosen Akademikern.
Ich selbst bin Juristin. Hm. Voll nützlich. In jedem Stück Alltag steckt doch auch ein Stück Jura?!?
Ich würde dem zustimmen. Ich wäre SEHR nützlich. Hätte ich Ahnung von Mietrecht, Versicherungsrecht, Sozialrecht…
Stattdessen hatte ich den Schwerpunkt Kriminalwissenschaften. Hey- wenn einer von euch einmal Opfer eines Gewaltverbrechens mit unbekanntem Täter wird- möglicherweise kann ICH ein Täterprofil erstellen. Im Zweifel kann das aber auch das BKA besser.

Klar! Ich habe auch andere Juristenfreunde. Beispielsweise promovierte Europa- und Verfassungsrechtler. Sollte ich also auf die Idee kommen, in den nächsten Monaten einen Staat gründen zu wollen und mit diesem der EU beizutreten, man würde mir sicher gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Weiterhin an meiner Seite habe ich einen mich liebenden Wirtschaftsmathematiker.
Sollte ich also auf die Idee kommen, die auf meinem Girokonto befindlichen 57,13 € gewinnbringend anzulegen, hätte ich definitiv kompetenten Beistand. Insbesondere, wenn es sich um Aktien handelte.
Für den Fall, dass ich mein Vermögen auf diesem Wege verzehntausendfachen könnte, könnte ich mir möglicherweise ein Schloss kaufen.

Dann allerdings würde sich mein Freundeskreis als äußerst lukrativ erweisen.
Ich hätte eine Innenarchitektin an der Hand, die mir bei der Farb- und Stilberatung des Ausbaus des Westflügels sicher gerne und vollumfänglich unter die Arme griffe.

Dem Personal, das ich einstellen würde, könnte ich mit Sicherheit wirksam (außer)ordentlich kündigen, sofern es sich an meiner Minibar vergriffe oder sonstige Schelmereien triebe, dank diverser Personaler, die ich als in diesem Fall hilfreiches Vitamin B verbuchen könnte.

Die Steuererklärung, Anlage V, wäre dann wohl auch kein Problem mehr (auch wenn ich bislang nur Erfahrung mit der Absetzung von Fahrtkosten in der Anlage N habe).

Über Hausrat- und Gebäudeversicherung würde ich mir ebenfalls keine Gedanken machen.

Auch könnte ich in die Touristik-Branche einsteigen- für Marketing und Kalkulation wäre gesorgt.

Leider scheitert dies alles daran, dass ich gerade eine Zalando-Rechnung über 49,95 € in meinem Briefkasten fand- die Anlagepläne sind folglich Vergangenheit.

Der einzige vernünftige und hilfreiche Job in meinem Umfeld wurde bislang durch meine Schwester besetzt. Sie war Physiotherapeutin.

Nach zahlreichen Familienfeiern, auf denen die gesamte Verwandtschaft plötzlich unter unglaublichen Rückenbeschwerden litt, die dringend durch Massage unterbunden werden mussten, eröffnete sie uns, sie würde nun Gesundheitswissenschaften studieren.
Sollte ich also künftig unter massiven Schulterblattverspannungen leiden, kann sie mir jedenfalls vermutlich die soziokulturellen Ursachen dafür nennen, dass meine Krankenkasse eine Massage nicht bezahlt.

Liebe einsame Frisöre, Kfz-Mechaniker, Schlüsseldienstbetreiber, Elektriker (m/w, um dem AGG Rechnung zu tragen) usw- wenn ihr eine beste Freundin sucht, bewerbt euch bitte bei mir! Ich brauche euch!

Herzlichst,

Tatjana

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