Ich weiß was, das du nicht weißt!

30 Aug

„Mamamama, wir müssen noch Karottensaft kaufen, der hat soviel Vitamin B; weißt du eigentlich, dass Milchschnitte gar nicht gut für Kinder ist, da ist nämlich Alkohol drin, hat unsere Lehrerin gesagt; und Mama, guck mal, auf der Zeitschrift sind Sterne, meinst du, da kann man den großen Wagen sehen? Sterne heißen auf Englisch übrigens „Stars“. Mama, guck mal, Zigaretten, Rauchen schadet aber der Gesundheit(…)“

Das kleine Mädchen an der Kasse hinter mir beginnt langsam, mich zu nerven. Ich wollte doch nur, in Ruhe und beschaulich, zur abendlichen Entspannung, den Tag ausklingen lassen mit einem einfachen Einkauf eines Liter O-Saft, einer Packung Milchschnitte und einer Schachtel roter Gauloises.

Während ich nun meinen Einkauf aufs Band lege, höre ich hinter mir wieder dieses quäkende Stimmchen: „Mama, kann die Tante nicht Platz machen, ich will doch die Braeburn aufs Band legen…“
Hallo?!? Erstmal sind das einfach mal „Äpfel“, wenn man ca. 7 Jahre alt ist.
Und zweitens ist die „Tante“ keine Tante, sondern eine junge, attraktive Frau in ihren besten Jahren.

Ich muss mich sehr zusammenreißen, damit mir nicht das Wort „Klugscheißerkind“ entwischt.
Schiebe aber natürlich brav meine Waren ein Stückchen weiter nach vorne, damit dieses gottgegeben intelligente Geschöpf seine „Braeburn“ aufs Band legen kann.

Wutentbrannt erzähle ich kurz darauf meiner Mutter am Telefon die Geschichte, diesmal allerdings nicht ohne das Wort „Klugscheißerkind“.
Ich höre meine Mutter am anderen Ende der Leitung laut auflachen.
Auf meine etwas beleidigte Frage, was denn bitte daran so lustig sei, antwortet sie vergnügt: „Du warst doch ganz genauso!“

Vermutlich hat sie recht. Also, ich kann mich daran natürlich nicht mehr aktiv erinnern, die passive Erinnerung wird jedoch regelmäßig aufgefrischt durch die Erzählungen gewisser Anekdoten.
Immer wieder im Mittelpunkt stehen dabei folgende beiden Episoden.

1. Meine Uroma Anna, bei meiner Geburt bereits 83 Jahre alt, bezeichnete alle Vögel als „Amseln“. Meine Omi, bei der ich als kleines Kind sehr viel Zeit verbrachte, hatte mich jedoch namentlich hervorragend mit der Flora und Fauna vertraut gemacht.
Als nun meine Uroma eines Tages mit mir, ich war 3 Jahre alt, auf der Terasse saß, flog ein kleines Vögelchen heran und setzte sich vor unsere Füße. „Schau mal, Jani, eine Amsel!“ sagte Uroma Anna. „Aber Oma Anna“, antwortete ich entrüstet und verwirrt, „das ist doch eine Blaumeise!“

2. Ein Cousin meines Opas war Förster und Jäger. Mit 5 Jahren besuchte ich ihn und seine Frau gemeinsam mit meinen Großeltern in der Nähe von Frankfurt.
Im Wohnzimmer hing, über dem Sofa, ein Kopf von einem Wildschwein.
Fasziniert stand ich davor und begutachtete das Ungetüm.
Onkel Walter stellte sich neben mich und fragte: „Na, Tatjana, weißt du, was das ist? Das ist ein Wildschwein!“
Ich antwortete daraufhin: „Das ist klar! Aber, Onkel Walter, ist das denn ein Keiler, oder ist das eine Bache?“

(Jetzt kommen bestimmt wieder diese Lehrerkinderklischees. Diesbezüglich scheine ich ja auch einen Trend verpasst zu haben, wie mir kürzlich bei Thalia auffiel, als ich den Tisch mit der Thematik „Selbsthilfegruppe Kreatives Schreiben für Lehrerkinder“ entdeckte, auf dem die Lebensgeschichte diverser „Leidensgenossen“ zum Verkauf angeboten wurde, eine allerdings eigene Thematik, die, wie mir gerade auffällt, in den nächsten Wochen noch einen eigenen Blogeintrag verdient hat. Ich glaube nicht, dass der pädagogische Background meiner Eltern maßgeblich zu meiner Altklugheit beigetragen hat, genausowenig wie die Tatsache, dass meine Eltern Pädagogen sind, als solches meine Identitätsentwicklung massiv beeinträchtigt hat. Wären meine Eltern Anwälte, Ärzte, Maler oder Verwaltungsfachangestellte gewesen, hätte ich mich wohl nicht wesentlich anders entwickelt, aber, wie gesagt, das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.)

Jedenfalls: Ab meinem 7. Lebensjahr habe ich im Schnitt täglich ein Buch gelesen, mich mit 12 Jahren an Autoren wie Tucholsky und Dürrenmatt gewagt, wissbegierig alles aufgeschnappt und ebenso stolz mein Wissen weitervermittelt.

Ehrlich gesagt bin ich heute noch so.

Leider muss ich zugeben, im Zeitalter von Fernsehen und Internet trägt mein weitschweifender Romankonsum nicht unbedingt zu einem dekorativ zu verwendenden Allgemeinwissen bei, wie ich bei meinen regelmäßigen sang- und klanglosen Niederlagen beim Trivial Pursuit feststellen muss…
Hin und wieder kann ich beeindrucken.
Mit Autoren, Werken, die niemand kennt. In der Kategorie „Literatur“.
Was einem bei diesem Spiel allerdings auch nicht die erforderlichen Nubsies bringt, sofern einem das Grundwissen in allen anderen erforderlichen Kategorien, insbesondere der Kategorie „Geschichte“, gleichzusetzen mit „Hitler“, fehlt.

(Aber, liebe Spielerunde, aufgepasst: Ich hab da gestern so einen Roman gelesen… und mich via Wikipedia weitergebildet… sollten demnächst Fragen über Alma Mahler oder mit ihr sexuell in Verbindung zu bringende Männer (und es sind derer viele!) kommen, ihr werdet beeindruckt sein. Übrigens spielt auch das Dritte Reich eine Rolle, da wären wir dann wieder bei „Hitler…
Ich schweife ab. Auch das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.)

Irgendwie sind mir diese altklugen Kinder ja auch lieber als die desinteressierten, lethargischen.
Kinder, die sich selbst mit Wissen vollballern und nicht andere in Computerspielen ab.
Kinder, die Lust haben, zu lernen, und Spaß, Gelerntes zu reproduzieren, sich eigene Gedanken zu machen, um die Welt irgendwann mit ihren eigenen Augen zu sehen.

Sollte ich also irgendwann mal ein Kind haben, und diese Kind steht mit mir an der Kasse, hinter einer jungen Frau, die beispielsweise eine Avocado und Kartoffeln kauft, und mein Kind sagt zu dieser Frau: „Tante, wusstest du eigentlich, dass die Avocado ein Obst ist, und kein Gemüse? Und Avocado heißt auf Englisch auch „Avocado“! Und Kartoffel heißt auf Englisch „Potatoe“. Und aus Kartoffeln macht man auch Pommes, die soll man aber nicht so oft essen, weil die so fettig sind, das sagt jedenfalls meine Lehrerin (…)“, dann werde ich da stehen, mit stolzgeschwellter Brust, lächeln, und denken:
„Ganz die Mama!“

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